Texte
Blinde Maus
Tobias Bauer
«Darf ich mich zu Ihnen setzen?», fragt leise eine Stimme aus der Richtung, woher die Sonne kommt. 
«Aber natürlich», sage ich und ziehe die Windjacke, die ich ausgezogen und neben mich auf die Bank gelegt habe, zu mir hin.

«Lassen Sie nur, ich habe genug Platz», sagt die Stimme, und dann spüre ich, wie sich jemand neben mich hinsetzt. Eine Weile sitzen wir schweigend nebeneinander und lassen uns von der mittäglichen Frühsommersonne bescheinen.
Die Bank steht auf einem der Stadthügel. Von hier aus hat man einen phantastischen Blick auf die Stadt. Links sieht man auf den mit dem Horizont verschmelzenden See, rechts auf den gegenüberliegenden anderen Hügel der Stadt, dahinter gehen die hügeligen Voralpen nach und nach ins Gebirge über.

«Darf ich Sie etwas fragen», fragt die Stimme nach einiger Zeit. Eine sympathische Stimme, nicht ganz klar, ob sie zu einer Frau oder einem Mann gehört. Für eine Frau etwas tief, für einen Mann etwas hoch. Entweder etwas rauchig oder etwas heiser.
«Aber sicher», sage ich. 
«Wie viel können Sie sehen?»

Wie kann die Stimme mir ansehen, dass ich blind bin? Meine trüben Augen werden von einer Sonnenbrille verdeckt, den Blindenstock habe ich zusammengeklappt und unter die Jacke geschoben. Wahrscheinlich blitzt er unter der Jacke hervor.
«Wenig, auf beiden Augen etwa drei bis vier Prozent.»
«Das ist aber hart», meint die Stimme, «dann können Sie wohl kaum mehr als hell und dunkel unterscheiden.»
«Ja.»

Die Stimme weiss Bescheid über Sehbehinderungen. Bevor ich blind wurde, hätte ich mit einer solchen Prozentangabe kaum etwas anfangen können. Aber die Stimme hat Recht. Mit einer Sehfähigkeit unter fünf Prozent auf beiden Augen gilt man als blind.

Weit entfernt höre ich Kuhglocken bimmeln. Wahrscheinlich sind es die Kühe auf dem anderen Stadthügel. Erstaunlicherweise kann man diese oftmals hören, über die ganze Stadt hinweg, vermischt mit einem leichten Rauschen des Verkehrs und hie und da einem Quietschen vom Bahnhof herauf.
«Darf ich Sie nochmals etwas fragen?», fragt die Stimme.
«Ja, bitte.»
«Wie lange sind Sie schon blind?»
Ich rechne nach.
«Etwa ein halbes Jahr.» 
«Das habe ich gedacht», sagt die Stimme, «Sie haben noch nicht die Sicherheit beim Gehen wie jemand, der den Stock schon lange braucht.»
«Ja, es ist eine Gewöhnungssache, derzeit geht es noch ziemlich mühsam.»

Die Stimme hat mich wohl gesehen, wie ich hochgestöckelt bin zu dieser Bank, auf dem schmalen Kiesweg, dessen Ränder ich mit dem Blindenstock gut im Griff haben muss. Denn links und rechts ist es zwischendurch ziemlich abschüssig.
«Darf ich Sie nochmals etwas fragen», fragt die Stimme von Neuem. 
«Fragen Sie doch einfach, aber fragen Sie nicht zuerst, ob Sie fragen dürfen», sage ich. Man kann es mit der Höflichkeit auch übertreiben.

«Danke sehr», sagt die Stimme unverändert höflich, «haben Sie auch schon blinden Mäusen zugeschaut?»
Ich muss überlegen. Blinde Mäuse? Was soll diese Frage? Gibt es nicht einen Kinderreim mit blinden Mäusen?
«Nicht dass ich wüsste. Warum fragen Sie?»
«Nur so. Wissen Sie, das ist wirklich sehr interessant», die leise Stimme hebt sich etwas, «haben Sie gewusst, dass Mäuse generell nicht gut sehen?»

Offenbar ist mir die Stimme näher gekommen. Seit ich blind bin, hat sich mein Geruchssinn verstärkt. So nehme ich einen warmen und leicht fauligen Mundgeruch der Stimme wahr. Ich muss mich etwas zurücklehnen.
«Nein, das weiss ich nicht. Gibt es nicht irgendeinen Kinderreim mit blinden Mäusen?»
«Ja, ja, genau, Three blind mice, Three blind mice,
See how they run, See how they run», rezitiert die Stimme und geht in ein Lachen über. Ein heiserleises Lachen.
«Ein schöner Reim, ein wahrer Reim. Blinde Mäuse können tatsächlich gut rennen. Das habe ich vielfach getestet.»

Wir sitzen schweigend da. Ein einzelner Vogel zwitschert aus den unter uns gelegenen Bäumen heraus eine monotone, immer wiederkehrende Tonfolge. Ist das richtig, dass ein Vogel mitten am Tag zwitschert?
«Was waren das denn für Mäuse?», frage ich.
«Meine eigenen. Ich habe als Kind Mäuse gezüchtet», sagt die Stimme, noch leiser geworden.
«Und wie haben Sie denn gewusst, dass die Mäuse blind waren, die Sie getestet haben?»
«Ganz einfach, ich hab sie geblendet.»
Ich verstehe nicht und muss nachfragen. «Geblendet? Mit einer Taschenlampe?»
Die leise Stimme lacht vergnügt. «Nein, nicht mit einer Taschenlampe, wo denken Sie hin?» Ein unangenehm glucksendes Lachen.

Mit dem Lachen kommt mir weiterer Mundgeruch entgegen: leicht süsslich, erinnert etwas an Sojasauce. Süsse Sojasauce, klebrig, schwer und warm.
«Haben Sie schon einmal etwas von Arnold von Melchtal gehört, nach dem die Strasse da unten benannt ist?»

Ich sage nichts und die Stimme fährt fort.
«Gessler liess dessen Vater blenden, nicht mit der Taschenlampe», die Stimme lacht wieder. Ein sehr unangenehmes Lachen. «So wie man das damals eben gemacht hat. Indem man ihm ein rotglühendes Stück Eisen direkt vor die Augen hielt. Die Hitze zerstört die Netzhaut und verbrennt die Augenflüssigkeit, was zur völligen Erblindung führt.»
«Aber Ihre Mäuse ...», beginne ich, und schon fährt die Stimme fort.
«Was man mit Melchtals Vater gemacht hat, ist mit einer Maus ein Kinderspiel. Einen kleinen Eisenstab mit dem Lötkolben zum Glühen bringen und der Maus vor die Augen ...»

Der Mundgeruch wird noch stärker und verursacht mir Übelkeit. Neben der Sojasauce riecht es auch abgestanden-säuerlich. Ich stehe auf. Es ist unvermittelt kühler geworden. Offenbar haben sich Wolken vor die Sonne geschoben. Der Vogel pfeift nicht mehr. Ich greife nach meiner Windjacke, lasse den zusammengeklappten Blindenstock auf der Bank liegen und ziehe die Jacke an.
«Kann ich Ihnen helfen?», fragt die Stimme.
«Nein, danke, nein».
Warum sage ich Danke? Ich sollte meinen Widerwillen äussern, stattdessen setze ich mich wieder.
«Was haben Sie denn mit den geblendeten Mäusen gemacht?»
«Ich hab sie beobachtet. Das war sehr interessant, blinde Mäuse können noch ganz gut funktionieren.» Die Stimme kommt in Fahrt und geht in ein Raunen über. «Wie schon gesagt, Mäuse sehen generell nicht gut. Aber das müssen sie auch nicht unbedingt. Sie haben ja Schnurrhaare, dank denen sie sich orientieren können.»
Ich habe genug, will weg und drücke auf die sprechende Armbanduhr, die ich seit kurzem besitze. Die blecherne Stimme meldet: es ist drei-zehn-uhr-und-sechs-und-zwan-zig-mi-nu-ten.
«Also, ich muss dann weiter.»
«Möchten Sie nicht wissen, was mit den Mäusen passiert ist?»
«Nein, nicht wirklich.»
«Warten Sie noch einen Moment, das möchte ich Ihnen doch rasch erzählen», sagt die leise Stimme eindringlich.
«Na gut, dann erzählen Sie.»

Ich fröstele und ziehe den Reissverschluss der Windjacke bis zum Kinn hoch. Dann verschränke ich die Arme und wende den Kopf ab. Weg vom Mundgeruch, der wie eine Fahne zu mir hinüberweht.
«Also, wie gesagt, blinde Mäuse können sich immer noch recht gut orientieren dank ihren Schnurrhaaren. Wenn man ihnen die Schnurrhaare aber abschneidet, dann haben sie ein grosses Problem.»
«Das heisst, Sie haben ...»
«Ja, ich habe ihnen die Schnurrhaare abgeschnitten und sie dann beobachtet.»
Ich mag nicht mehr reagieren, dennoch frage ich: «Und was haben Sie beobachtet?»
Die Stimme wird noch etwas leiser. «Das war wirklich hochinteressant. Die meisten Mäuse sind völlig in sich zusammengesunken und nach ein bis zwei Tagen gestorben. Es hat aber auch einzelne gehabt, die richtiggehend durchgedreht sind und wie aufgezogene Spielzeugmäuse kreuz und quer durch die Gegend rasten. Für die hatte ich schöne Rennstrecken gebaut, die mitten in der Luft aufhörten. Die Mäuse strampelten wie in einem Trickfilm mit ihren Beinchen weiter und stürzten dann ins Wasserbecken, das ich unterhalb hingestellt hatte.» 

Wieder das unangenehme leise Lachen, irgendwo zwischen einem Glucksen und einem kindlichen Kichern. Wieder der ekelhafte Mundgeruch, jetzt mit einem Anflug von Pfefferminz. Die leise Stimme ist ganz nah vor meinem Gesicht. Ich wende mich ab.
«Hören Sie auf, ich mag das nicht hören.»
«Ich höre gleich auf», sagt die Stimme und fährt ungerührt weiter, «wissen Sie, im Voraus ist es schwierig zu sagen, welche Maus wie reagieren wird. Ich habe aber einen sehr guten Instinkt entwickelt und die Reaktion meistens richtig vorausgesehen. Ja, ja, three blind mice, lustig, dass Sie den Reim gekannt haben.» Wieder das unangenehme Lachen, diesmal etwas lauter, dann folgt eine Stille.

«Was denken Sie denn, zu welcher Gruppe Sie gehören würden, wenn Sie eine Maus wären?» fragt die Stimme unvermittelt. «Blöde Frage, Sie sind ja gar keine Maus.» Jetzt lacht die Stimme gar nicht mehr leise. «Also, ich muss dann auch mal weiter, es war nett mit Ihnen zu plaudern, auf Wiedersehen.»
Ein erhebliches Gewicht neben mir erhebt sich und stapft davon.

Nachdem die Schritte auf dem Kies verklungen sind, wird es sehr still. Ich warte lange, bis ich neben mir auf die Bank greife. Mein Blindenstock ist weg.

 
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