Texte
Irisierender Nebelbogen | Regenbogenhaut
zwei Texte, zwei Autorinnen, die sich aufeinander beziehen
Sandra Engelbrecht
Irisierender Nebelbogen
von Sandra Engelbrecht

Basel. Oktober. Café Franz.
Iris stand vor der Milchglastür des Café Franz. Die abgestreiften Lederhandschuhe lagen akkurat zusammengelegt in der Tasche, die Puderdose aufgeklappt in ihrer Hand. Sie blickte sich im verkleinerten Ausschnitt an. Die Friseurin behauptete, der neue Haarschnitt würde sie bestimmt zehn Jahre jünger erscheinen lassen. Sie lächelte.

Aus ihrem Kulturbeutel fischte Iris einen Lippenstift. Mit zusammengekniffenen Augen zog sie sich die Lippen nach. Just in jenem Augenblick wurde sie von einem Mann angerempelt. Iris rutschte mit der Hand aus, zog einen kirschroten Balken, der Richtung Kinn verlief.
„Tschuldigung.“ Der bärtige Mann blickte nicht von seinem Handy hoch, warf seine Kippe Richtung Strassenrand. Dort im Strassengraben wurden das welke Laub und die Zigarettenstummel vom Wind zum Leben erweckt. An die Fassaden der Stadt pinselte die Dämmerung orange-violette Schattierungen.
„Trottel.“ Zischte Iris, spuckte in ihr Taschentuch und rubbelte die Lippenstiftspur vom Kinn.
„Steh halt nicht im Weg herum!“, antwortete er und verschwand im Café Franz, ohne aufzublicken.

Iris liess die Puderdose zuschnappen. Ihre Hände zitterten. Sie öffnete die Tür. Gedämpfte
Stimmen und das Scheppern von Geschirr schwappten ihr wie eine Welle entgegen. Als
balanciere sie auf einem Hochseil, schob sie einen Fuss vor den anderen. Wo war es strategisch klug, sich hinzusetzen? Sie musste die Eingangstür im Auge behalten. Hinter dem Tresen stand die Barista. Ihre schimmernde Pailletten Jacke warf goldene Vollmonde an die Decke. Um den Hals trug sie eine Kette, ein halbes Herz mit einer Bruchkante. Sie sprach mit einem Mann, der sich an die Theke lehnte. Einen Fuss hatte er auf die Fussstütze des Barhockers platziert, seine Daumen in den Gürtelschlaufen eingehakt. Derselbe verwaschene Cordmantel. Derselbe Flegel von vorhin.

Iris setzte sich an den letzten freien Tisch. Als Erkennungszeichen hatten sie sich auf eine weisse Nelke geeinigt. Das war Iris‘ Idee gewesen. Aus einer Zellophanhülle wickelte sie die Nelke, legte sie vor sich auf den Tisch. Zuerst waagrecht zur Tischkante, dann senkrecht. Sie strich ihren Rock glatt und zupfte am Kragen der Bluse. Zweieinhalb Jahre schrieben sie sich bereits, ohne sich jemals gesehen zu haben. Ihr Profilbild eine Iris, sein Profilbild ein Nebelbogen.

Iris winkte der Barista. Sie wollte eine Schale* bestellen, bevor Eric eintraf. Die Barista nickte und sagte etwas zum Mann im Cordmantel, dieser drehte sich zu Iris um und lachte, dann sagte er etwas zur Barista. Iris blickte angestrengt auf den Cordmantel-Rücken. Unmöglich der Rüpel konnte nicht Eric sein.

Sie spürte, dass jemand neben ihr stand. Am äussersten Rande ihres Sehfelds. „Hallo, Iris“, hörte sie eine hohe Stimme sagen. Ein Mann in Frauenkleidern stand vor ihr, in seinem behaarten Ausschnitt steckte eine Nelke. Eine weisse. Iris fragte: „Bbb ... bist du Eric?“

* Schale = identisch mit einem Milchkaffee


Regenbogenhaut
von Eva Ginnell

Davis. November. The Purple Frog.
Mit einem Ruck setzte sie sich auf. Heute war die Ausstellungseröffnung. „Wo soll das denn
sein?“, hatte ihr Vater im Familien-Chat geschrieben. „Klingt nicht wie eine Galerie.“ „Es ist nur ein Café“, hatte Thea zurückgeschrieben. Hatte nicht geschrieben, wie viel Mut sie dieser Schritt gekostet hatte. Ihre neue Mitbewohnerin hatte ihr als Erste vorgeschlagen, beim Purple Frog anzufragen. Dort würden immer wieder wechselnde Bilder an den Wänden hängen. „Echte Kunst“, sagte sie, „soweit ich das beurteilen kann.“ Und weil Billie seit Anfang Oktober dort arbeitete und auch noch damit anfing, hatte Thea versprochen, sich zu trauen.

„Honey, du wirst garantiert am ersten Tag alles verkaufen“, hatte Billie geflötet, seinen pink
karierten Minirock glatt gestrichen und ihr einen mascaraschweren Augenaufschlag geschenkt. Sie hatte abgewunken. Billie sah das nicht objektiv. Er war ihr grösster Fan – und ihr einziges Model.

Gegenstand fast aller ihrer Werke, dieser Mann in Frauenkleidern. Er würde es feiern, sein
Konterfei in gross und bunt jeden Tag an den Wänden des Purple Frog zu sehen. Schon
seinetwegen hatte Thea die Barista dann endlich Anfang Oktober angesprochen, als sie einen Cappuccino bestellte. „Du musst mit AJ sprechen“, hatte die gesagt. „Dem gehört der Laden hier. Aber wenn Billie dich empfiehlt, dann bist du drin.“ Thea grinste erleichtert.

„Kaffee aufs Haus“, sagte die Barista. „Ich bin Danny.“ Sie nahm einen Haargummi aus der
Schürzentasche und knotete ihre lila Haare zu einem Messy Bun zusammen. Winzige
Malerpaletten baumelten an ihren Ohren und Thea sah das als gutes Omen.

Es lief dann alles sehr informell. AJ schlug ihr einen Zeitraum vor, sie sagte ja und hörte nur halb hin, als er von Prozenten und Preisen sprach. Erst hinterher sah sie im Kalender, dass der Ausstellungsbeginn ausgerechnet auf den Montag vor Thanksgiving fiel. Niemand würde kommen, ihre Bilder zu sehen. Sie wusste nicht, ob sie erleichtert oder enttäuscht war.

Auf dem Weg zum Café waren die Strassen leer, die Studierenden auf dem Heimweg zu ihren Familien. Von Weitem sah sie, dass die Türen des Cafés schon sperrangelweit offen standen, hörte Judy Garland von einem Regenbogen singen. Langsam ging sie weiter. Danny hatte ihr am Abend davor bis nach Mitternacht geholfen, die grossformatigen Bilder aufzuhängen. Bestimmt sahen sie jetzt im Tageslicht viel zu grell aus. Unfertig. Nicht gut genug. Vielleicht konnte sie das alles noch abblasen, die Bilder abhängen, bevor das Café in einer Viertelstunde richtig aufmachte.

Dann hörte sie dünnen Applaus. Sie holte Luft und trat ein. Danny strahlte ihr entgegen und Billie klatschte enthusiastisch in die Hände. Er trug ein buntschillerndes Abendkleid, darüber die schwarze Schürze mit dem lila Frosch, fertig für die Arbeit.

Aus dem Buch «Café-Geschichten» von Sandra Engelbrecht und Eva Ginnell,
ISBN: 978-3-7108-2362-6
 
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