Texte
Sustenfahrt
Martin Streckeisen
Döner macht schöner, steht in Meiringen am türkischen Kebabstand geschrieben. Sonst trifft man in Meiringen vor allem auf eine Menge von Victorinox- und Meringuesläden und auf die Legende von Sherlock Holmes, der in seiner letzten Folge hier leider den Tod gefunden hat. Eine Unzahl von prächtigen Tälern beginnt oder endet an diesem schönen Ort, allein drei Passrouten stehen zur Wahl.

Jakob Ehrlich, seit vier Monaten Junglehrer in Bönigen bei Interlaken, stand in der Sonne auf dem heissen Bahnhofplatz und studierte den Busfahrplan. Wie übersichtlich der doch gestaltet war, und wie tröstlich, dass die Postautos in der Schweiz so zuverlässig und pünktlich ihre Routen fuhren. Jakob entschied sich für die Strecke über den Sustenpass nach Wassen und sass kurz darauf auf dem Logenplatz zuvorderst im Postauto, neben sich eine Ledermappe. In der Mappe warteten zwei lehrreiche Broschüren auf ihn: ‘Vom Glück des Lehramtes’, hiess die erste. Die zweite schien eher auf schwierige Kinder fokussiert: ‘Unsere kleinen Ekel’ war der Titel. Jakob Ehrlich hoffte, auf der Fahrt und in den Bergen Zeit für die Lektüre zu finden und die eine oder andere Erkenntnis daraus zu schöpfen, denn er fühlte sich im Moment beruflich etwas überfordert. Als er die Mappe öffnete, um einen kurzen Blick in ‘Unsere kleinen Ekel’ zu werfen, fiel ihm das muntere Gesicht eines jungen flotten Mannes auf, neben sich auf einem Poster an der Glasscheibe: Werde Postautofahrer!, stand da, fahre mit uns in deine Zukunft!

Das Postauto war, wie meist an Werktagen im Juni, nur schwach besetzt von allerlei fröhlich zwitschernden Wandervögeln mit ihren Rucksäcken und Stöcken. Jakob auf seinem vordersten Platz hatte den vollen Überblick. Eine Schulklasse marschierte in mustergültiger Zweierkolonne über den Platz zum Postauto nebenan, der Lehrer strammen Schrittes an der Spitze. Widerlicher Militarist!, dachte Jakob, die armen unterdrückten Kinder, und doch spürte er einen ganz feinen, aber bitteren Anflug von Neid. Denn in seiner dritten Klasse in Bönigen, da ging es drunter und drüber. Jakob Ehrlich war Anhänger der guten alten antiautoritären Erziehung, jedenfalls glaubte er das und fand es cool, also liess er den Kindern alle Freiheiten. Mit anderen Worten: Er akzeptierte, dass ihm die Kids auf der Nase herumtanzten.

Heute Morgen hatte eines der Mädchen gesagt, sie kämen sehr gerne zu ihm in die Schule - Jakob Ehrlich wollte sich schon freuen, aber das Mädchen fuhr nach einer Pause fort: - weil, da dürften sie immer machen, was sie wollten. Jakob war ehrlich erschrocken: Was war, wenn die Kinder dies auch den Eltern oder der Lehrerschaft erzählten? Beim Ehrlich, da können wir jeden Mist bauen, der sagt nie was? Er hatte deshalb entgegnet, sozusagen zur Prävention:

Nein, Kinder, ihr dürft nicht alles machen, ihr dürft zum Beispiel nicht aus dem Fenster springen. - Die Kinder aber brüllten im Chor: Doch, wir wollen aus dem Fenster springen!
Jakob war zu den Fenstern gerannt, um sie zu schliessen; weniger des Springens wegen, sondern um den Lärm gegen aussen abzuschirmen. Wonach hörte sich denn das an, wenn 20 Kinder aus dem dritten Stock brüllten, sie würden sich gleich aus dem Fenster stürzen? Natürlich hatte exakt in diesem Moment der Schulleiter den Hof durchquert und war fassungslos stehen geblieben, die aufgerissenen Augen nach oben gerichtet. Jakob hatte seinen Kopf blitzschnell zurückgezogen und ganz sachte das Fenster geschlossen.

Nach diesem Schockerlebnis stand sein Entschluss fest: Er würde den freien Nachmittag für einen Ausflug in die Berge nutzen und innere Einkehr halten mit Hilfe der zwei Broschüren und der heilsamen Natur. Und so sass er jetzt in Meiringen im Postauto und wälzte trübe Gedanken.

Kurz vor der Abfahrt kam eine ältere Dame mit einem Regenschirm in einem wadenlangen grauen Kostüm und hohen Bergschuhen angerannt. Sie zerrte einen circa 7-jährigen Jungen hinter sich her, wahrscheinlich ihren Enkel, kletterte in den Bus und bugsierte den Jungen auf den Fensterplatz hinter Jakob Ehrlich.
Er könne überhaupt nichts sehen, reklamierte der Junge, er wolle auf dem vorderen Platz sitzen.

Da sitze schon ein Mann, sagte die Grossmutter, der sei aber ganz klein und steige sicher schon bald wieder aus. Dann beugte sie sich vor und krähte Jakob Ehrlich ins Ohr, er fahre doch nicht etwa auch bis zum Steingletscher hinauf, sie nämlich schon, sie habe dort im Restaurant vor einer Woche ihre neue Regenhaube vergessen, die habe neunundachtzig Franken gekostet, und wenn sie schon extra da hinauffahre, könne sie doch auch gleich über den Susten nach Wassen hinunterkurven und dort zum Kirchlein spazieren, oder etwa nicht, das habe sie dem Buben schon lange versprochen, wegen den Eisenbahnserpentinen, die seien ja extra so gebaut worden, dass man sie vom Kirchlein aus dreimal sehe.

Auf die höfliche Antwort von Jakob Ehrlich, er fahre ebenfalls bis Wassen, meinte die alte Dame, das sei aber praktisch, dann könne er ja beim Steingletscher auf den Jungen aufpassen, während sie ihre Regenhaube hole.
Ihr Enkel schaute längere Zeit interessiert aus dem Fenster und wandte sich dann, als die stiebenden Reichenbachfälle vorbei waren, dem Businneren zu.

    Wozu denn diese kleinen orangen Hämmerchen seien, die da über dem Fenster hingen, fragte er.
    Ach die, erwiderte die Grossmutter zerstreut, er solle lieber die schönen Berge anschauen, das sei viel interessanter als diese dummen Hämmerchen.
    Die Berge habe er schon angeschaut, und die doofen Wasserfälle auch, jetzt wolle er aber wissen, wozu diese kleinen orangen Hämmerchen seien, oder ob er den Chauffeur fragen solle.
    Nein, um Himmels willen, das dürfe er ja nicht, der Chauffeur müsse auf die Strasse achten, sonst würden sie alle im Abgrund landen. In den Bergen gebe es viele furchtbare Abgründe, und in einem solchen würden sie alle landen, wenn er –
    Aber, rief der Enkel und begann unruhig hin- und herzurutschen, was jetzt mit diesen orangen –
Feuerlöscher, unterbrach sie ungeduldig, das seien so kleine Feuerlöscher für den Notfall, so gut seien eben die Schweizer Postautos ausgerüstet.
Der Busfahrer hustete, und Jakob Ehrlich schaute die Grossmutter verblüfft an, aber sie hatte keinen Scherz gemacht, sie schien allen Ernstes an die Feuerlöscher zu glauben.

Als der Chauffeur den Bus in Innertkirchen zum Stehen brachte, stieg eine Frau ein, Anfang zwanzig, ganz in schwarz gekleidet. Sie trug eine schicke Lederjacke mit Kapuze und kramte in ihrer Reisetasche.
Sie habe das Zettelchen verloren, sagte sie.
Was für ein Zettelchen, fragte der Chauffeur etwas müde, als hätte er diesen Satz schon tausendmal gehört.
Nun, erwiderte sie fröhlich, so ein Zettelchen eben, dass sie zu einem Kollektivbillet gehöre, sozusagen.
Wo denn die anderen seien, fragte der Fahrer und kratzte sich am Kopf, sie allein sei ja nicht kollektiv.
Richtig, lachte die junge Frau vergnügt, das sei ihr auch schon aufgefallen, aber eben zu spät, sie habe nämlich ihre Gruppe verloren. Die sei schon unterwegs nach Göschenen und dann nach Luzern zurück, dort wolle sie natürlich auch hin, also fahre sie eben allein über den Pass. Aber jetzt sei dieses Zettelchen verschwunden.

Der Chauffeur rieb sich ausgiebig die Nase. So sei das also, sagte er etwas ratlos und gewährte ihr dann eine Ersatzfahrkarte bis Göschenen. Die Luzernerin ging gut gelaunt nach hinten und setzte sich.
Die Grossmutter schüttelte missbilligend den Kopf. Seit wann man denn von Meiringen nach Luzern über den Sustenpass fahre, raunte sie Jakob Ehrlich zu, und warum der Chauffeur denn so etwas glaube, ein normaler Mensch nehme doch die Route über den Brünig; aber die Jungen machten ja heute grad was sie wollten, und die Postautobetriebe unterstützten sie noch bei ihrem Unfug.

Ob sie vielleicht etwas lauter sprechen könne, sagte da die Luzernerin drei oder vier Reihen hinter ihnen, sie höre gerne zu, wenn alte Tanten herummeckerten.
Das sei nicht seine Tante, protestierte der Enkel, das sei seine Grossmutter, aber alt sei sie natürlich schon.
Er solle nicht so dumm daherplappern, rief die Grossmutter, das gehe niemanden etwas an, er solle sich um seine orangen Feuerlöscher kümmern und den Mund halten.
Jakob Ehrlich ertrug diese Ignoranz nicht länger. Er erklärte der Grossmutter, das seien nun, also wirklich, das seien keine Feuerlöscher, warum sie denn so etwas behaupte.
Blödsinn, schwachsinniger Blödsinn, zischte die Luzernerin hinter ihnen. Sie schien ein ausgezeichnetes Gehör zu haben.
Die Grossmutter drehte nur leicht den Kopf und sagte beiläufig über die Schulter, eine, die sich unter einer Kapuze verstecken und eine Reisegruppe erfinden müsse, weil sie kein Geld in den Taschen habe, so eine solle lieber den Mund halten oder am besten grad ganz zu Hause bleiben.
Ihr sei eine leere Tasche lieber als ein hohler Schädel, erwiderte die Luzernerin von hinten.

Als sich die Grossmutter entschlossen aufrichtete und kampfeslustig ihren Schirm mit dem massiven Knauf packte, mischte sich der Busfahrer ein: Aufstehen sei verboten, bei diesen engen Kurven, sie könnten sich dann beim Steingletscher oben weiter unterhalten.
Dafür sei keine Zeit, erwiderte die Grossmutter empört, da müsse sie doch ihre Regenhaube holen, und die habe fast 90 Franken gekostet und sei bestimmt mehr wert als die freche Obdachlose hinter ihr. Und überhaupt, warum denn heute alle gegen sie seien, klagte sie laut und umarmte ihren Enkel, er sei das Einzige, was sie noch habe. -
Steingletscher!, rief der Busfahrer und parkierte sein Postauto neben einigen Touristenbussen. Zehn Minuten Aufenthalt.

Die meisten Fahrgäste und der Chauffeur verliessen das Postauto, auch die Grossmutter stieg aus, um ihre Regenhaube zu holen, nicht ohne den Jungen zu ermahnen, er solle brav warten bei dem netten Mann.
Jakob, der nette Mann, sah sich vorsichtig um; der Bus war nun leer, bis auf die Luzernerin, die unter ihrer Kapuze auf dem Handy herumfingerte. Er streckte sich nach den orangen Hämmerchen, löste behutsam eines aus der plombierten Halterung und gab es dem Jungen in die Hand; der errötete vor Freude.

Da könne er lesen, wozu man die brauche, murmelte Jakob und zeigte auf einen kleinen Schriftzug am Fenster.
Der Junge entzifferte die drei Worte: Scheibe hier einschlagen. Als er mit dem Hammer ausholte, konnte Jakob nur knapp eine Katastrophe verhindern, und die Luzernerin krümmte sich vor Lachen. Der Junge verbarg das Hämmerchen in seiner Hosentasche. Sein Gesicht glühte vor Freude.
Mutig, mutig, rief die Luzernerin, er sei ja offenbar ein ganz ausgefuchster Pädagoge!

Jakobs Blick fiel auf das Werbeplakat mit dem glücklichen Männergesicht.
Nein, widersprach er, er sei nur Busschauffeur. Früher sei er mal Lehrer gewesen, aber diesen Stress tue er sich nicht mehr an.
Kann ich verstehen, erwiderte sie, die Lehrer seien ja vor allem zum Fertigmachen da. - Ob er denn so richtig lange Strecken fahre, auch über die Pässe und so.
Vor allem über die Pässe, sagte Jakob, das sei am schönsten.
Er wolle auch Busfahrer werden, rief der Junge vom Boden her, wo er mit dem Hammer die Aluminiumleisten bearbeitete.
Ein schöner Beruf, erwiderte Jakob, er nehme ihn mal mit auf eine Vierpässefahrt und zeige ihm, wie man das Postauto lenke.

Ach, wie Jakob Ehrlich das Lügen genoss! Wie schön das Fabulieren war! Wie befreiend! Er würde in Wassen einen längeren Brief entwerfen, an die Schulverwaltung Bönigen. Als Erstes würde er von seinem gebrochenen Bein berichten, von der tückischen Spalte im Steingletscher und der spektakulären Rettungsaktion, mit Grüssen an die lieben Kinder. Alles Weitere würde sich finden. Das Führen eines Postautos, überlegte er, war sicher viel dankbarer als das Führen einer Schulklasse; so ein Postauto wollte jedenfalls nicht aus dem Fenster springen.

Die Luzernerin unterbrach seine Zukunftsvisionen: Wenn sie mit ihm über die Pässe fahren würde, da er ja Busfahrer sei, da könnte sie dann endlich legal schwarzfahren.
Er sei doch aber Lehrer, rief der Junge von unten, das stehe doch hier auf der Mappe! Er las vor: Jakob Ehrlich - Klasse 3a -Grundschule Bönigen.
Heilige Scheisse!, rief die Luzernerin. Der Mann ist ja doch Pädagoge! Und lügt wie gedruckt. Mann, Ehrlich!! Du gefällst mir.
Der Junge hatte sich erhoben und sagte etwas verlegen, am besten könne aber doch seine Grossmutter lügen. Man dürfe es nur nicht merken, sage sie immer, dann sei es nicht richtig gelogen. Aber er wisse schon, eigentlich dürfe man gar nicht lügen.

Jakob und die Luzernerin nickten sehr ernsthaft. Den letzten Satz hatte auch der eben einsteigende Chauffeur mitbekommen und meinte anerkennend: Braver Junge, aus dir wird mal was.
Dass ihm der kleine Hammer auf dem Boden neben den zerbeulten Aluminiumleisten nicht auffiel, war wohl der Grossmutter zu verdanken, denn diese kam in eben diesem Moment angerannt. Mit ihrer Regenhaube auf dem Kopf sah sie zum Brüllen komisch aus.
Was es denn da zu glotzen gebe, herrschte sie den Chauffeur an, es sei sehr windig draussen. Ob man neuerdings um Erlaubnis bitten müsse, wenn man eine Regenhaube anziehe.

Der Chauffeur, rechtschaffen und wortkarg, blieb ruhig und setzte sich ans Steuer, während die Luzernerin durch den Mittelgang nach hinten eilte, um ihren Lachanfall unter Kontrolle zu bringen. Jakob aber hatte am Boden den orangen Hammer entdeckt und schob ihn unauffällig mit dem Fuss unter eine Sitzbank. Als der Junge protestieren wollte, legte er ihm die Hand auf die Schulter und zwinkerte ihm zu. Der Kleine kapierte. - Eigentlich, dachte Jakob, fand er Kinder ganz sympathisch. Selbst wenn sie aus dem Fenster springen wollten.

 
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