Texte
Woraus schöpft der Schöpfer seine Schöpfung?
Eine Trilogie
Irène Böhm
I
Ich erinnere mich, als ich etwa sieben Jahre alt war, an die erste Karotte aus dem Garten bei Freunden meiner Eltern: Was war das für ein herrliches Gefühl, diese erste Karotte aus der Erde zu ziehen, sie am Brunnen zu waschen und sich in den Mund zu schieben?! Das Knacken bei jedem Bissen zu hören, diesen zwischen den Zähnen zu zermalmen und den rohen Geschmack der Karotte im Gaumen zu fühlen, zu riechen und dieses Gemantsche schliesslich hinunter zu schlucken, um sich einen nächsten Bissen zu gönnen. Welch Köstlichkeit! Welch himmlischer Genuss dieses Gemüse, so frisch und so knackig, dazu diese orange Farbe, gepaart mit dem grün des Laubes und dem Duft der Erde: dieser feuchten, frischen, leicht nach Moder riechenden Erde und dabei ihre Fruchtbarkeit erahnend. Ein Glücksmoment, der mir aus meinen Kindertagen bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Doch es ist nicht nur dieser Glücksmoment, sondern auch der Reichtum, den ich dabei empfunden habe, als hätte ich mit dieser Karotte einen Schatz geborgen, der allein mir gehört und den mir niemand nehmen kann. Der Schatz des Glücks und der Reichtum der Freude die darin liegen. Die Freude und das Erstaunen auch an den Düften und Essenzen die ich beim Griff in die Karottenreihe empfand, dieser Mikrokosmos den ich da unerwartet angetroffen habe beeindruckt mich bis heute. Dieses tiefe Erleben mit dem frischen Gemüse aus der Erde verhalf mir zu einem Schlüsselerlebnis in dem die Welt der Natur und des Lebens sich mir offenbarten.

Doch was tue ich eigentlich als Mensch, damit ich solch herrliches Gemüse ernten kann? Damit die Kirschen auf dem Baume wachsen? Damit die Blumen in den Beeten blühen und die Erdbeeren duften? Wer hat den Tisch so überreich gedeckt und welches ist mein Verdienst daran? Ist es nicht bedenklich wenig nur zu hacken und zu jäten, zu giessen und aufzubinden um Wochen oder Monate später einen so grossen Erntesegen geniessen zu dürfen? Ist mein Anteil daran im Verhältnis zum Gewinn nicht sehr wenig? Das eigentliche Wachstum findet ja ohne mein Zutun statt. Tagtäglich. Ununterbrochen.

II
An irgendeinem Tag in irgendeinem Sommer sitze ich draussen auf der Bank und esse mein Frühstücksmüesli. Die Sonne hat sich schon recht weit vom Horizont abgehoben, noch ist es frisch und ich schaue in den Garten und begrüsse den noch taufrischen Tag. Der Trockenmauer entlang rankt sich allerlei Kraut, auf dem die Tautropfen der Nacht einen Platz gefunden haben und während ich mein Müesli esse, studiere ich das Kraut, studiere die Tautropfen. Da trifft ein Sonnenstrahl auf einen von ihnen und für die Dauer von ein paar Minuten leuchtet er in den schönsten Farbtönen auf: In zartem Rosa, in Orange, in einem Smaragd farbenen Grün, ein Rot gesellt sich zuweilen dazu. Der Wind spielt mit dem Kraut und wiegt es sanft und mit ihm tanzt der Tautropfen. Und je nachdem wie leis der Wind darüber haucht und der Tropfen sich wiegt, dominiert die eine oder andere Farbe. Sie kommen und gehen, werden sicht- oder unsichtbar. Ein stummes Spektakel; eine stille Sensation.

Und in diesem kleinen Tropfen spiegelt sich das Licht als farbenprächtiges Geheimnis. Der Tropfen dient als Spiegel und Reflektor. Klein zwar und doch vermag er die ganze Welt der Farben preis zu geben, die im Lichte verborgen ist. Das Licht betrachtet sich im Spiegel der Wasseroberfläche und sei sie auch noch so klein wie die des Tautropfens. So wie Narziss im Wasserspiegel des Teiches seine Schönheit betrachtet hat, betrachtet das Licht seine Schönheit im Spiegel des Tautropfens. Es wird nicht geblendet, nein, es sieht sein Inneres, seine innere Schönheit, seine Farben – Freude verbreitend.

Auch wenn man gemeinhin sagt, die Farben würden sichtbar, wenn das Licht sich bricht, so dünkt mich das doch eine allzu brachiale Darstellung. Das Licht bricht nicht in Stücke wie ein dürrer Ast, wenn er vom Baum fällt. Das Licht geht seinen Weg geradeaus und wenn es auf einen Spiegel, wie diesen Tautropfen trifft, wirft dieser das Licht als Farbspektrum zurück. Unsichtbar sind die Farben im Lichte verborgen, immer vorhanden und erst durch einen Spiegel gibt es dieses Geheimnis preis. Und wenn die Sonne nun höher steigt, und ihr Licht und die Farben mitnimmt wird der Tautropfen nur wieder einfacher Tautropfen. Für den kurzen Moment des scheinbaren Stillstands waren die Farben zu sehen. Diesen Moment gilt es zu erhaschen.

III
In Dankbarkeit und Erinnerung an meinen Lehrer Shin Gwydion Fontalba
Und dann kommt dieser denkwürdige Tag im April, in dem Jahr, als der Welt ein Stillstand verordnet wurde und der Himmel Wochenlang völlig rein und klar zu sehen ist, ohne dass Kondensstreifen oder sonstige Ausdünstungen menschlicher motorisierter Zivilisation das Blau des Himmels durchkreuzen und trüben, und ich stehe an diesem denkwürdigen Tag einmal mehr frühmorgens am offenen Fenster, schaue gegen Osten und blicke in den beginnenden Tag. Eine Stunde bevor die Sonne aufgeht leuchten in einem schmalen Band bereits feine Rot- und Gelbtöne am Horizont, kaum zwei fingerbreit ist vom Himmel zu sehen, während ihn grimmige Wolken, die in der Nacht aufgezogen sind, verdüstern und eher Unheil erahnen lassen, wäre da nicht dieses Licht. Von weit her, von tief unter dem Horizont leuchten die ersten Boten der Morgenröte und künden vom Kommen der Sonne. Leise Fanfarenklänge liegen in der Luft, geblasen von unsichtbaren, in prächtige Kleider gehüllte Bläser. Ein Präludium der Vorfreude. Stumm und musikalisch zugleich ändern sich die Farben in langsamen Rhythmen fast unmerklich, doch spür- und sichtbar, und sie ringen mit den Wolken und suchen sie zu durchdringen. Sie werden langsam stärker, kräftiger und bleiben trotzdem dezent zurückhaltend und ziehen sich, kaum auf ihrem Höhepunkt angelangt, zurück, einen fahlen farblosen Himmel in freudiger Erwartung hinterlassend.

Eine spannungsgeladene Pause entsteht und bald schon ertönen die nächsten Boten welche Erstere an Farbe und Pracht übertreffen. Noch roter, noch kraftvoller als es diese ersten Boten ankündigten, marschiert nun der ganze Staat auf, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und der Sonne den Weg zu ebnen. Mit ruhigen festen Schritten hört man sie in ihrer Macht würdig heran schreiten, ihren Glanz und ihr Licht durch die Boten weit vorausschickend. Pauken und Trompeten, Posaunen und Fanfaren ertönen laut und kraftvoll, Streicher und Flöten setzen nun ein und der ganze Himmel scheint zu brennen. Blutrot färbt sich der Horizont, Violett leuchten die Wolken von riesenhaften Scheinwerfern von unten bestrahlt. Immer mehr Bläser ertönen, immer kräftiger klingen die Streicher, immer roter und kraftvoller und zum greifen nah färbt sich der Himmel, vom glühenden Mantel der Sonne bestrahlt. Und die Glut des neuen Morgens wird heisser und heller und die violetten Scheinwerfer weichen feurig roten Strahlen.

Das ganze Orchester spielt lauter und lauter und bildet einen einzigen Klangkörper und spielt in höchster Intensität die Symphonie zu Ehren der Sonne und des Schöpfers. Und dann, auf dem Höhepunkt von Farben und Klängen erscheint im spannungsgeladenen Himmel, kaum vom eigenen sie umgebenden Glanz zu unterscheiden, die Sonne selbst. In immer grösser und breiter werdendem Licht rollt sie dem Horizont entlang und langsam über ihn hinaus, bis sie sich schliesslich als glühende Kugel ganz über den Horizont erhebt und die Erde in ein helles blendendes Licht hüllt. Die Sonne ist da. Mit soviel spektakulärer Schönheit aufgegangen wie selten zuvor. Ein alltägliches und doch einmaliges Spektakel, welches die Sonne jeden Morgen vollführt und heute auf eine ganz besonders intensive dramatische Art. In einem schmalen Lichtband bloss zwischen Himmel und Erde.

Und so wirkt und waltet die Natur: im Stillen, ohne grosses Geschrei, ohne viel Brimborium und Aufhebens; ein Schauspiel und ein Spektakel tausendfach; überall; immer und immer wieder; sichtbar für alle, die es sehen; gratis und franko verteilte Freude. Die Natur als Verschwenderin von Glücksmomenten in unermesslicher Grosszügigkeit verschenkt. Wer es sieht und sich daran erfreut hat Gewinn. Wer es nicht sieht, geht daran vorüber, ohne zu merken, welcher Reichtum darin liegt.
 
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