Texte
Aufbruch – Abbruch – Umbruch
Dragica Marcius
Die Reihenfolge stimmte doch nicht, dachte sie. Ist da nicht zuerst der Abbruch, dann der Umbruch, und zuletzt der Aufbruch? Ach Gott, sie verlor sich in diesen vielen Brüchen und fühlte wieder nur den Schmerz.

Wie ein Häftling in seiner Zelle rannte sie von einem Ende ihrer Wohnung zur anderen, schrie den Ficus Benjamin an, der als mannsgrosse Topfpflanze nichts dafür konnte, dass es in Birgits Leben plötzlich ABBRUCH hiess. Unter ihren Hasstiraden schien die Pflanze sich zu ducken. „Abbruch“, das tönte ähnlich wie Einbruch. Eine Ruine, die nun einzubrechen drohte. Im Religionsunterricht hiess es doch damals: Der Priester brach das Brot. Auch so ein Brecher, ein Brotbrecher. All diese Brüche schossen ihr wie ein Wasserfall durch den Kopf. War nicht Abbruch die letzte Phase im Lebenszyklus von etwas? Alles, was nicht mehr benötigt oder funktionstüchtig ist, wird abgetragen, abgebaut, abgebrochen. Ein Gebäude, eine Fabrik, nachdem alles nicht mehr gebraucht wird. Aber doch keine Beziehung!

„Was soll dieses Herumwüten, diese Hasstiraden und diese Beschimpfungen an die Adresse von Thomas bedeuten?“ fragte sie sich, als sie stehenblieb. Einen Moment lang überlegte sie, dann begann wieder die Unruhe, der sie sich nicht zu widersetzen vermochte. Sie stürmte erneut durch die Wohnung wie ein Berserker, der in seiner Wut alles kurz und klein schlagen möchte. Schmerz in den Armen und Beinen, in der Magengegend und ein Druck in ihrer Brust! „Ist das ein Vorbote für einen Herzinfarkt?“

Aber das Gehen war nicht aufzuhalten, die Unruhe trieb sie wieder vor sich her, nahm sofort wieder Platz und jagte nicht nur ihren Puls in die Höhe, sondern drohte das Herz zum Zerspringen zu bringen, ihre Halsschlagader pochte, schlug wie ein Vorschlaghammer gegen Mauern. Stunden später im Sessel sitzend. Schluchzen, Heulen, Schneuzen, Nase wischen. Alles wechselte einander ab. Dann wieder eine neue Welle, die zu Bewegungsdrang und lauten Selbstgesprächen führte.

„Plötzlich! Einfach so! Keine Vorankündigung! Kein Abschluss! Kein Ende. Auf jeden Fall kein Bruch! Thomas wollte schon mal eine Pause, einen Unterbruch der Beziehung. Aber jetzt hiess es plötzlich: ABBRUCH! Nix, Nada, Niente….“

Das war kein Abbruch, das war ein ABGANG ein richtiger ABGANG! Genau! So wie ein Abgang, wenn man ohne eine Abschlussnote von der Schule abgeht, weil man lediglich die Schulpflicht erfüllt hatte. Pah! Abgehen konnte doch jeder, der keinen Abschlusstest gemacht hatte. Thomas ist immer abgegangen, ausgewichen, hatte sich nie den Problemen gestellt, hatte nie etwas gemacht, was den Namen ABSCHLUSS verdient hätte.“

War ihre Beziehung in den letzten Jahren für ihn nicht mehr nötig gewesen, war sie quasi nicht funktionstüchtig und musste abgebrochen werden?“ Die Ferien mit ihm waren schön, auch wenn sie sich immer wieder über ihn geärgert hatte, weil er zu viel am Handy herumhing, weil er sie nichts mehr fragte, keinen Kommentar zu irgendetwas in ihrem Leben abgab.

War es in Wirklichkeit Thomas, der vor zwei Jahren gerade vor dem Examen stand und fand, da sei noch zu wenig Sicherheit für ein Kind? Logisch, sich so kurz vor dem Ende des Studiums um ein Kind kümmern zu müssen ist nicht gerade eine passende gemeinsame Lebensplanung. Traurig war sie trotzdem. Immer noch. Und immer wieder dachte sie an den kleinen Winzling, der in ihrem Bauch zu wachsen begonnen hatte. Es wäre ein Kind geworden. Wenn sie es vom heutigen Standpunkt ansah, so war der Abbruch nicht wirklich notwendig gewesen. Wollte Thomas schon damals weg? War er sich damals schon nicht sicher, ob er mit ihr Kinder haben wollte? Hat er sich nicht getraut, es ihr zu sagen, weil doch der Abbruch da war?

Innerhalb von Tagen war sie am Rand eines Nervenzusammenbruchs. Sie heulte ganze Schachteln von Kleenex voll, leugnete sein Verhalten, vermisste ihn schmerzlich. Sie meldete sich am Arbeitsplatz krank, ging, aus Angst, ihm zu begegnen,nicht mehr auf die Strasse. Gefühle überrollten sie wie eine Riesenwelle, und überfielen wie ein stürzender Bauklotzturm polternd ihr Inneres.

Eines Morgens kam ein Gedanke, den sie schnell wieder wegschieben wollte. Aber das ging nicht, denn er kam immer wieder. Dass auch sie den Kontakt zu sich und damit auch zu Thomas abgebrochen hatte. Warum hatte sie sein desinteressiertes Verhalten ausgehalten und nie etwas gesagt? Immer, wenn sie es gemerkt hatte, ärgerte sie sich darüber. Sie hatte nicht mehr nachgefragt, warum er nichts mehr von ihrem Leben wissen wollte, was denn mit ihm los sei, wie es mit ihnen weitergehen würde …. Sie war auch enttäuscht von sich selber, begann, sich mit Vorwürfen zu überschütten.

Nachts wälzte sie sich im Bett, hatte Albträume vom Fallen in eine Tiefe, die sie an das Mahnmal von Nine-Eleven in New York erinnerte. Schwärze zog überall an ihr. Hart auf dem Boden aufschlagend, erwachte sie jäh, starrte atemlos in die Dunkelheit.

Als sie wieder ins Büro ging, schminkte sie eine dicke Schicht Makeup auf die dunklen Augenringe. Wenn eine Kollegin am Kopierer sie besorgt nach dem Befinden fragte, sagte sie, sie hätte schlecht geschlafen. Dann hätte sie immer schwarze Augenringe. Ihr Leben verlief wie in Trance. Tagelang die Rolladen nur halb heraufgezogen, heulen im Bett, sich selbst bedauern und schliesslich doch immer wieder auch den Gedanken zugelassen, dass sie genau wie Thomas ein Teil des Problems gewesen sei. Dachte an den Spruch ihrer Grossmutter „Ein Hund beisst sich nicht allein!“ Ja, sie hatte Thomas auch gebissen, ihn ausgelacht, ihn verletzt und klein gemacht, hatte blöde Bemerkungen über seinen Umgang mit dem Handy gemacht.

Ziellos zappte sie durch die TV-Programme, bei nichts konnte sie bleiben, nichts interessierte sie. Weiterzappen, bis sie erschöpft den TV abschaltete. Der Nescafe aus dem Glas schmeckte bitter. Für anderen Kaffee und für Milch hätte sie aus dem Haus zum Türken an der Ecke gemusst. Sie fand ein paar noch brauchbare Essensreste im Kühlschrank. Zwei verschrumpelte Karotten, ein paar alte Äpfel. Nagte am Käserest, schmierte sich alt gewordene Butter auf das trockene Brot und da sonst nichts mehr da war, streute sie Salz darauf. Den welken Salat und alles Übrige warf sie weg.

Wenigstens musste sie nicht nach draussen in den Supermarkt, wo sie vielleicht einen Nachbarn oder eine Nachbarin treffen würde und man sie vielleicht auf ihre verquollenen Augen ansprechen würde, sie nach ihrem Befinden fragen würde. Freundinnen hatten angerufen, hatten sie trösten wollen, aber Birgit war wie gelähmt von diesem Schlag und wollte niemanden sehen, mit niemandem sprechen, sich niemandem erklären müssen.

Vor zwei Wochen hatte Thomas ihr noch eine Coop-Tüte mit ihren Sachen, vor die Wohnungstür gestellt. Im ersten Moment war sie wieder wütend, dass er es still und heimlich gemacht hatte, sie nicht mehr treffen wollte. Aber eigentlich war Thomas ja immer so gewesen, hatte sich aus allen Angelegenheiten herausgezogen, ging klärenden Gesprächen aus dem Weg.

Aber waren nicht alle Männer überfordert, wenn Frauen(für sie) aus heiterem Himmel sogenannte klärende Beziehungsgespräche einforderten? Versteckten sie sich nicht lieber hinter Arbeit oder Zeitung in der Hoffnung, dass dieses Ansinnen bald vorübergehen würde und sie verschont werden würden von Tränen, Beteuerungen, Vorwürfen, Anschuldigungen oder gar Beleidigungen? 

Männer ticken halt anders, dachte Birgit. Mögen es nicht, sich offenbaren zu müssen, ihre Gefühle auf dem Serviertablett zu sehen. Haben lieber Lösungen und klare Aussagen. Einen Abend mit einer Frau zu verbringen, die nach Worten und passenden Formulierungen herumkramt wie nach Geldbörse und Schlüssel in ihrer Handtasche und damit ein klärendes, psychologisches Beziehungsgespräch einfordert – darauf verzichteten wahrscheinlich viele Männer gerne.

Eines Morgens war es vorbei. Sie lag noch im Bett und dachte zum ersten Mal nicht an Thomas. Streckte sich, lag ruhig da und staunte, dass plötzlich andere Gedanken da waren. Wie es wohl im Büro ging, an das gestrige Gespräch mit ihrer Schwester, an Besorgungen, die sie heute tätigen wollte. Draussen auf dem Balkon stehend, sah sie den alten Silberahorn, dem man die abgestorbenen Äste abgeschnitten hatte und der nun nicht mehr hoch bis zu ihrem Stockwerk hinaufragte. Auch so ein Abbruch-Aspirant, den die Hausverwaltung fällen wollte, weil vor ein paar Jahren ein Blitz in seine Krone eingeschlagen hatte.

Eine Blaumeise flog in ein Astloch und kam nach kurzer Zeit wieder heraus. Hatte sie dort Jungen zu füttern? Denn kaum war sie im Loch verschwunden, schoss sie wie ein Pfeil wieder hinaus um nach kurzem Flug wieder das Loch im Baum anzusteuern. Birgit fühlte den kalten Betonboden unter ihren Füssen, die Frische des Morgens, die sie leicht frösteln liess, sah das Blau und Gelb der Meise.

Sie verspürte keinen Drang mehr, den Beziehungsabbruch von Thomas zu leugnen, keine Trauer mehr. Das wütende Hin- und Herlaufen war vorbei. Keine Tränen mehr, keine Albträume, keine Wutattacken mehr. Wunderte sich, dass da nicht mehr war. Wenn sie an Thomas dachte, war da - ja, was war es eigentlich? Vielleicht Gleichgültigkeit. Oder war es Erstaunen darüber, dass er, den sie früher so geliebt hatte, sich ohne ein Wort aus ihrem Alltag davongeschlichen hatte? Nein, Einverständnis war es noch nicht! Dazu war die Zeit noch zu kurz.

Damals wollte sie unbedingt mit ihm zusammenbleiben. Wollte sich auf keinen Fall in die Reihe der Freundinnen einreihen, die unermüdlich auf Plattformen einen Partner suchten. Die meisten wurden irgendwann ohne Begründung fallengelassen oder verabschiedeten sich ebenfalls sang- und klanglos von Leuten, mit denen sie eine Weile Mails ausgetauscht hatten. Dachten sie jemals daran, dass hinter diesen Mails reale Menschen waren, die verletzt, enttäuscht, erleichtert, erfreut oder was auch immer waren? Das Blättern, das Wegblättern der verschiedenen Kandidaten, die man ihnen anbot, machte es so einfach, in keine Beziehung eintreten zu müssen. Zu dick, zu alt, zu gross, zu klein, zu wenig interessant, zu anspruchsvoll, zu viel Auto, zu viel Hund zu viele Weingläser, zu viele Sonnenbrillen, die die Augen versteckten ….. Die Argumente gingen nicht aus und letztendlich blieben die meisten mit ihrer ihrer anwachsenden Enttäuschung oder ihrer Abgestumpftheit allein. Ach, so viele Brüche!

Aber das Blättern ging weiter, musste ja weitergehen, denn der Ersehnte war noch nicht gefunden, war noch irgendwo in der Pipeline. Hatten die Verantwortlichen von solchen Dating-Portalen im Grunde gar kein Interesse daran, dass Menschen sich wahrhaftig begegneten, zu Partnern oder Freunden wurden, sondern nur Interesse am Blättern und am Dranbleiben in diesen zahlungspflichtigen Portalen?

Birgits Blick fiel auf den Ficus Benjamin. Der sah wirklich erbärmlich aus und brauchte unbedingt frische Erde und Dünger. Im Jumbo-Gartencenter würde sie heute Nachmittag alles bekommen. 
 
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