Schutzengel und andere geflügelte Wesen
Erika Müller
23. März 2026
Laurin brütet über der Akte «Jakob Stalder».
Er sitzt auf einem robusten Holzstuhl in seinem bescheiden eingerichteten Büro. Vis-à-vis seines Pults ein Taburett für Besucher, das nur selten benutzt wird. Meist findet ein Austausch zwischen Tür und Angel statt. Die Wände sind vom Boden bis zur Diele mit Ordnern in verschiedenen Farben aufgefüllt. Ein jeder enthält das Leben eines Erdenbürgers. Laurin braucht nur eine halbe Drehung nach hinten zu machen, um die Büchsen der Rohrpost, (die sich über die ganze weite Anlage verbreitet), zu greifen. Jede Abteilung ist damit zu erreichen; die Abteilung der Kinder, der Kranken (Laurins Sektor), der Süchtigen, der Verurteilten, der Suizide, der Politiker, der Unbescholtenen…- (ja, es existiert eine Abteilung der Unbescholtenen).
Laurin hat in letzter Zeit Mühe, den Überblick zu halten. Seine Seele sträubt sich immer öfters gegen das, was unten auf der Erde passiert. So kommt es, dass Laurin hin und wieder abschweift. Seinem Chef entgeht nicht das kleinste Vergehen. Dessen Temperament ist auf einer Skala von 1-10 zu bewerten. 1 bedeutet sehr milde, 2 wohlwollend, 3 verständnisvoll, 4 sachlich, 5 sehr sachlich und trocken, 6 schneidend, 7-10… daran will Laurin gar nicht denken. Er hat die 10 selten erlebt. Das letzte Mal, als Putin die Ukraine angriff.
Zurück zur Akte «Jakob Stalder».
Buchhalter. Ein an sich braver Bürger. Keine Schulden. Immer korrekte Haltung. Beliebt in Hochhaus, wo er zuoberst im 12. Stock wohnt. «Muss eine grandiose Aussicht sein» murmelt Laurin. Eine höfliche, freundliche, humorvolle Erscheinung. Besucht regelmässig seine Mutter. «Er gehe dort nur immer zum Mittagessen und verschwinde dann wieder» mischt sich Muskat, ein «Untergebener» von Laurin, gehässig ein. Wobei, «Untergebener» ist glatt übertrieben; hier oben gibt es keine Hierarchien. Allein der grosse Boss hat die komplette Übersicht. Aber auch dieser hat einen Gott, der ihn im Auge behält. Muskat scheint schlecht auf Jakob Stalder zu sprechen sein. Laurin weiss warum. Muskat missgönnt Jakob Stalder seine Freiheit im Erdenleben. Vor allem, weil Jakob von Frauen angehimmelt wird. Laurin muss deshalb Muskat hie und da rügen, will heissen, ihn wieder ins Lot bringen.
Im Grossen und Ganzen ist Laurin zufrieden mit seinen 13 Assistenten, will heissen Engeln. Hugo, der 13. ist erst kürzlich in sein Team aufgenommen worden. Wegen seines jungen Alters und mangelnden Lebenserfahrungen wollte ihn niemand haben. Doch Laurin hat sofort die Qualitäten von Hugo erkannt. Einer, der auf dem Bau zurechtkommt, auf Gerüsten wie ein Äffchen herumklettern kann, sogar auf Dächer steigt, völlig furchtlos… Laurin zögert keine Sekunde und nimmt Hugo auf, der Opfer eines Kranunfalls wurde. Wo nur waren damals die Schutzengel? – Laurin seufzt. Auch wir da oben machen Fehler.
Zurück zur Akte «Jakob Stalder». Kindheit gegen aussen hin unauffällig. War in der Klasse beliebt. Vor allem spielte er leidenschaftlich gern im Dorftheater mit. Seine Rolle als Domherr blieb während geraumer Zeit im Gedächtnis der Dörfler. «Warum nur hatte Jakob nicht eine Schauspielschule besucht?» sinniert Laurin weiter.
Aber ja, sein Vater… Bedauernswerter Mensch. Ab Jakobs 13. Altersjahr schritt die psychische Krankheit seines erzkatholischen Vaters stets voran. Niemals hätte er Jakob einen so lotterigen Beruf wie Schauspieler wählen lassen. Sowieso fehle das Geld für ein Studium. Das KV musste es sein. Als Jakobs Vater nach diversen Suizidversuchen endlich sterben durfte, wurde dieser, wie alle Suizide, in der schönsten Abteilung des Himmels aufgenommen, wo sie endlich von ihren furchtbaren Qualen erlöst wurden.
Laurin fragt sich, wie das wohl sei mit diesen EXIT-Menschen? -Diese entscheiden jetzt selbst, wann sie gehen wollen. Sie bezahlen Jahresbeiträge, um später nach ihrem eigenen Willen abtreten zu können. Laurin seufzt schon wieder. Bezahlten für etwas, was totsicher sowieso mal eintritt? - Was den Menschen da unten nur alles einfällt?
Er liest weiter bei Jakob Stalder. Diverse Auslandaufenthalte. Sprachdiplome in Italienisch, Französisch und Englisch. Nicht schlecht… Aber ein Buchhalter hat doch mit Z a h l e n zu tun, sinniert Laurin. Jakob hätte doch gewiss das Zeug gehabt zu einem Journalisten, Dolmetscher. Wie nur ist er in die Buchhaltung hineingerutscht? Laurin hat Mühe, das zu verstehen.
Es ist ihm sowieso schleierhaft, wie sich da unten auf der Erde alles weiterentwickelt. Es wird immer schlimmer. Das Geld und die Macht haben überhandgenommen, gerade so, als gäbe es den Himmel nicht; als meinten die Erdenbewohner, sie könnten ewig weiterleben. Wenn das so weitergeht, verliere ich den Überblick gänzlich. Laurin spürt Hitze in sich aufkommen… So etwas darf er nicht denken. Wo führte dies auch hin, wenn es hier oben auch noch drunter und drüber ginge? Laurin vertraut seinem Chef, klar doch. Hin und wieder wird er dennoch von Zweifeln heimgesucht. Seinem Chef entgeht das nicht. Er tröstet Laurin. Zweifeln sei ein gutes Zeichen. Jemand, der nie reflektiere und zweifle, sei ihm, dem Chef, äusserst suspekt.
Zurück zu Jakob Stalder. Sportlich durchtrainiert. In keinem Verein ansässig. Unermüdlicher Seeschwimmer. Berggänger. Zusammen mit seinem Freund bestieg er zahlreiche 4000der im Wallis, jeden Sommer in Saas Fee. Laurin beugt sich interessiert vor. Er selbst war Bergführer gewesen. Er sieht vor sich die fantastische Bergwelt. Diese Leidenschaft für die Kletterei teilt er mit Jakob. Er muss mindestens so angefressen gewesen sein, wie er, Laurin, es war in der Blüte seines Erdenlebens.
Laurin rügt sich. Wenn er so weiterträumt, kommt er nie zu einer Entscheidung, was Jakob betrifft. Jakob ist ihm nun ganz ans Herz gewachsen. Auch das dürfte nicht sein. Sachlich, gerecht, niemals parteiisch musste gehandelt, entschieden werden. So lauten die Vorschriften.
Es klopft. «Kann ich nun endlich Jakob Stalder holen gehen? Er ist nun auf dem letzten Drücker. Er kann nicht mehr schlucken, kaum noch atmen, nicht mehr reden. Er ist tapfer seinen palliativen Weg gegangen. Hat seine «Steuern» für die guten Zeiten seines Lebens wahrhaftig vollkommen beglichen. Was zauderst du noch, Laurin?» spricht Muskat auf Laurin ein. Ausgerechnet Muskat! Muskat, der Jakob nie leiden konnte, bestürmt nun, ja fleht darum, den Jakob endlich von seinen Leiden erlösen zu dürfen.
«Dann hol ihn in Gottes Namen» gibt Laurin sein OK für Jakobs allerletzte Reise. Leise fällt die Tür ins Schloss.
Laurin wird Jakob persönlich empfangen, ihn in die Arme schliessen, ihn unter seine Fittiche nehmen, will heissen, ihn zu einem obertüchtigen Engel ausbilden. Er wird ihn zusammen mit Hugo auf Türme, an Brückengeländer, in die Berge zu Einsätzen schicken.
Obwohl nun der Entscheid gefallen ist, liest Laurin weiter in den Papieren. Er vernimmt die dunklen, verschwiegenen Gewohnheiten, denen Jakob unterworfen war und die er Zeit seines Lebens bekämpfte. Nicht einmal die Geissel seiner Parkinson-Krankheit konnte diese Leidenschaften bodigen. Parkinson! Laurin entweicht ein weiterer Seufzer. Er weiss um dieses Leiden, weil er selbst davon heimgesucht worden war. Nun ist er 100% sicher, den richtigen Entscheid getroffen zu haben. Bedachtsam schliesst er die Akte Jakob Stalder.
Ob Jakob mit Pauken und Trompeten empfangen wurde? Oder mit Flöten und Geigen?