Texte
Aufbruch, Umbruch, Zusammenbruch
Thomas Brunnschweiler
Auf was habe ich mich da eingelassen! Ich bin verwirrt. Was für ein Thema! Aufbruch, Umbruch, Zusammenbruch … Ein einziger Begriff hätte mir genügt. Aber drei! Das Motto ist eine thematische Triade, ein semantischer Overkill, eine poetologische Zumutung erster Güte. Es geht also nicht um ein einziges Thema, und darum auch nicht um ein Ganzes, sondern es geht um Brüche. Die haben mich schon als Kind genervt. Ausgeklügelt, ja geradezu gemein fand ich die Division von Brüchen, bei der man gegen jede kindliche Logik einen Bruch auf den Kopf stellen muss, um ihn mit dem anderen zu multiplizieren, gewissermassen ein logischer Verbruch, ein Wort übrigens, dass es laut Grimmschem Wörterbuch gibt und das noch im Begriff «unverbrüchlich» mitschwingt. Und dieser Verbruch war für mich als Kind ein pädagogisches Verbrechen.

Nun, dieser der Komplexität des Mottos geschuldete Einbruch in die Planung eines einigermassen vernünftigen Plots einer Geschichte tut meiner Schreiblust keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die Titeltrias reizt den Wortfetischisten in mir zu Höchstleistungen. Ich bin nämlich ein Logophiler und ein Anagramm meines vollen Namens ergibt – man höre und staune – «Worts Mensch unheilbar». Der Amor verbi, die Liebe zum Wort, war schon immer die Grundlage meines Schreibens. Buchstaben- und Wortspiele begleiten mich seit meiner Jugend. Also Brüche, denke ich und bewege mich damit schon auf der etymologischen Schiene meiner Denklokomotive, oder besser gesagt: Denkdraisine. Auf geht’s also auf der Draisine der eigenen Kreativität. Hoffentlich erleide ich hier keinen Achsbruch. Also Hals- und Beinbruch flüstere ich mir im Stillen zu.

Apropos Hals- und Beinbruch. Einen Knochenbruch habe ich mir nie zugezogen, aber mit sieben hatte ich einen doppelten Leistenbruch, medizinisch eine Hernia inguinalis duplex. Das war ein Einbruch eines unangenehmen Gefühls in meinen kindlichen Alltag, ein aufgezwungener Unterbruch. Damals musste man nach der Operation noch lange Zeit im Spital verbringen, was ich in Begleitung meiner Mutter tat. Heute wäre eine solche Nahbetreuung ein totaler Bruch mit allen Usanzen. Nun, ein Leistenbruch ist kein Hodenbruch, der übrigens keinen medizinischen Fachbegriff darstellt. Ein Hodenbruch ist ein skrotaler Leistenbruch oder ein inguinoskrotaler Bruch, bei dem offenbar der Bruchsack mit Darmanteilen durch den Leistenkanal bis in den Hodensack wandert. Ich kannte bisher nur die Wanderniere, aber keinen Wanderbruchsack. Was man nicht alles lernt, wenn man Wikipedia befragt. In der Sphäre der Technik würde man wohl von einem Ermüdungsbruch sprechen. Ich frage mich, ob es neben dem Hodenbruch auch einen Odenbruch gibt. Ich fand nur eine Tessa vom Odenbruch, eine Friesenstute, und einen Daniel Odenbruch im Netz. Aber schrieb nicht einmal Hans Magnus Enzensberger im Gedicht «Ins Lesebuch für die Oberstufe»: «Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne: Sie sind genauer …» Das war doch ein Aufruf zum Bruch mit Oden, also ein echter Odenbruch. Semantisch liegt dieser Odenbruch nahe beim Oderbruch, dem Naturraum von Brandenburg an der polnischen Grenze. Der Begriff ist eine Kombination des Flussnamens «Oder» und dem Wort «Bruch» für eine zeitweilig überflutete Auenlandschaft. Ich habe den Verdacht, dass Tessa vom Odenbruch ein übler Verschreiber ist, und es in Wirklichkeit Tessa vom Oderbruch heissen müsste. Aber das ist nur eine scheue Vermutung. Falls Sie das Gefühl haben, ich würde mich jetzt etwas gar arg in Begriffslabyrinthen und zwischen Bruchlinien verlaufen, so können Sie mir glauben: Es geht mir ebenso.

Nun, zwischen dem Leistenbruch und meinem Aufbruch ins Erwachsenenleben kam noch der Stabbruch angesichts meiner Legasthenie in der Primarschule. Der Buchstabe, dessen Mehrzahl ja nicht Buchstäbe heisst und auch nicht Bücherstaben, machte mir heillose Probleme. Die Wörter waren meine grössten Feinde. In einem Diktat hatte ich sage und schreibe 42 Fehler. Diese Buchstaben, diese Fluchschaben und Bruchknaben, wie ich sie hasste! So wurde über mir der Stab gebrochen, der erste Stabbruch in meinem noch kurzen Leben; ein Trauma, das mich noch heute in meinen Träumen verfolgt. Aber ich bin schon wieder abgeschweift.

Nun ja, man verlangt von mir, unter anderem etwas über den Aufbruch zu schreiben. So will ich mit ihm beginnen. Transitiv kann ich einen Safe aufbrechen; das ist ein Bankbruch oder unter Ganoven kurz ein Bruch. Früher gab es noch den Aufbruch eines Briefes, der seltenerweise – etwa bei Jean Paul – auch Erbruch genannt wurde, was in Zeiten von E-Mail und WhatsApp unverständlich geworden ist; unter Jägern ist vom Aufbruch des Wildbrets die Rede, was für sensible Gemüter schon zu blümeranten Zuständen führen kann. Auch Wunden und Geschwüre können aufbrechen. Weniger ekelerregend ist der Aufbruch der duftenden Blume, wenn sie sich entfaltet. Aber daran haben meine literarischen Stichwortgeberinnen kaum gedacht. Es geht wohl eher um den Aufbruch auf eine Reise, die Abreise von einem Punkt zum andern, den Bruch mit dem Hier zum Aufbruch ins Dorthin. Bei Schiller «machte» man noch Aufbruch, und der Trompetenstoss mahnte in kriegerischen Zeiten zum Aufbruch. Zum Aufbruch blasen hat tatsächlich etwas Disruptives. Auch Trumps Aufbruch in das goldene Zeitalter ist Disruption ja pur. Nicht umsonst heisst brechen auf Latein «rumpere» oder auch «frangere», wobei wir beim «coitus interruptus» wären, der «interruptio», dem frustrierenden Unterbruch der Lust, oder bei der Fraktur, dem Bruch in Arm-, Bein- und Halsbruch.

Ich schweife abermals ab, ein leichter Einbruch in meiner Konzentration. Also nochmals: Aufbruch. Es gibt den redensartlichen «Aufbruch zu neuen Ufern». Eine meines Erachtens recht einfältige Wendung. Es gibt auf der Erde keine neuen Ufer mehr. Wir Menschen haben sie alle schon entdeckt, be- oder entvölkert. An den Sandstränden legen frühmorgens überall schon sonnen- und hirnverbrannte Teutonen ihre Badetücher aus, oder die Sandmafia klaut nachts den Sand für den Hausbau in den Emiraten, weil der vom Wind zerschliffene Wüstensand dafür nicht geeignet ist. Auch metaphorisch steht der Aufbruch zu neuen Ufern auf wackligen Füssen. Man nimmt ja immer etwas vom alten Ufer zum angeblich neuen mit, das damit gar nicht mehr so neu ist. Am liebsten sprechen natürlich die Politiker vom Aufbruch, wobei sie nach ihrer Wahl vorzüglich auf ihrem Posten und ihrem Ledersessel festkleben, statt sich selbst oder etwas anderes zu bewegen. «Aufbruch statt Stillstand» hiess es bei den Grünen in Deutschland. Meist ist der Aufbruch aus dem Stillstand 0.1 der Aufbruch in den Stillstand 0.2. Unter der neuen Koalition unter Kanzler Fritze Merz heisst es «Aufbruch für Deutschland». Für die Lokalwahlen warb eine Partei im Kanton Zürich mit dem verheissungsvollen, aber nichtssagenden «Willkommen im Team Aufbruch». Auch bei der Mitte Graubünden war «Aufbruch und Zukunft» angesagt. Also Aufbruch, kurz zusammengefasst: das Nullsummenspiel parteipolitischer Versprechungen, die inhaltsleere Allzweckfloskel für jeden Bereich. Meist folgt nach dem heiligen, scheinbar unverbrüchlichen Versprechen des Aufbruchs ein Wortbruch, statt der Schuldenbremse wird eine horrende Neuverschuldung verkündet. Für die Wählerinnen und Wähler ist das ein Vertrauensbruch. Ich sage: Lieber ein leichter Leistenbruch als ein schwerer Wortbruch. So viel oder so wenig zum Aufbruch.

Kommen wir vom Aufbruch zum Umbruch. Das Wort meint heute eine grundlegende Änderung, besonders in der Sphäre der Politik. Wir leben in einer Zeit der Umbrüche und vergessen darob, dass das Wort Umbruch noch vor kurzem nicht den heutigen Sinn hatte. Im Grimmschen Wörterbuch werden nur drei Bedeutungen genannt: Umbruch als Umpflügen des Ackers, Umbruch als Vorgang in der Druckerei und Umbruch als Anlegung eines neuen Stollens im Bergbau. Von der praktischen Bedeutung wanderte Umbruch in den Bereich des Allgemeinen, was durchaus keinen sprachlichen Regelbruch darstellt, sondern ein bekanntes linguistisches Phänomen. Umbrüche sind oft mit dem Abbruch des Alten und mit Ausbrüchen von revolutionären Kräften verbunden. Wie es Kriegsgewinnler gibt, gibt es auch Umbruchsgewinnler; die meisten Milliardäre auf der Erde gehören dazu. Die politischen Umbrüche der letzten Jahre brachten Aus- und Durchbrüche rechtsextremer Tendenzen, den Einbruch eines ideologischen Fluidums, das nach Faschismus riecht, und in einigen Staaten Verfassungs- und Vertragsbrüche. Der Treuebruch ist in der Weltpolitik zur Regel geworden und ist schon so normal wie der Glasbruch im sprichwörtlichen Glashaus. Nietzsche würde heute nicht mehr von der «Umwertung aller Werte» sprechen, sondern vom Zerbruch aller Werte, ein belegter, wenn auch seltener Parallelbegriff zu Zerfall. Als Jean Paul Richter «Die Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei» schrieb, konnte er nicht ahnen, dass 230 Jahre nach deren Veröffentlichung sich im gottlosen Weltgebäude ein Wasserrohrbruch immensen Ausmasses ereignen und toxische Schlammmassen in alle Poren der Demokratien und des freien Denkens eindringen würden. Damit einher gehen ein veritabler Schenkelhalsbruch der bereits marode gewordenen Aufklärung, ein sozio-politischer Systembruch und ein Unterbruch aller Arterien der Vernunft, die das kollektive Gehirn mit Sauerstoff versorgen sollten.

Plötzlich sehne ich mich wieder zurück zu den Bruchrechnungen in der Schule, die wenigstens noch irgendwie lösbar waren, im Gegensatz zu den Ausbrüchen, Umbrüchen und Treuebrüchen unserer Zeit. Steht der Zusammenbruch bevor? Der Blick auf die Geschichte zeigt, dass grossen Umbrüchen oft ein Zusammenbruch gefolgt ist. Die Völkerwanderung führte zum Zusammenbruch eines einst riesigen Imperiums. Die Industrialisierung brachte den Zusammenbruch der agrarischen Gesellschaft. Und man denke an den Zerbruch des Vielvölkerstaats UdSSR. Rumms, da war doch mal was! Der digitale Umbruch und der Durchbruch der Künstlichen Intelligenz überfordern uns massiv. Bringen sie die prophezeite Befreiung des Menschen zu mehr Freizeit und Freiheit oder den Zusammenbruch der Zivilisation? Hätte ich bloss die Finger vor dieser Thementriade gelassen. Es ist eine Krux mit den Brüchen.

 



 
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