Schutzengel und andere geflügelte Wesen
Rudolf Bussmann
23. März 2026
Tagpfauenauge
Es lässt sich nicht in die Farben blicken
Mischt König Dame Bauer zwinkernd
Unter die Winde.
Mit unbewegtem Flügel
Streicht es den Nektar ein.
Wenn du den Weg hinaufkommst
Liegt sein Fächer offen vor dir
Du bückst dich
Liest die Zukunft aus seinem
Gebrochenen Auge.
Bericht eines verzweifelten Lepidopteragogen
Wir können Ihren Schmetterling
Leider nicht befördern
Trotz intensiven Unterrichts flog er
Noch kein einziges Mal geradeaus
Er säumt auf seinem Weg
Vergisst die Welt auf irgendeiner Blume
Flattert ohne Ziel und Absicht
Durch die Förderstunden
Weigert sich
Auch nur zu üben.
In regelmässigen Abständen prallt die Hummel, die durch ein offenes Fenster in die Wohnung geflogen ist, an die geschlossene Scheibe. Sie dreht eine Runde im Zimmer, steuert die Scheibe an und schlägt am Glas auf. Benommen fällt sie auf das Fensterbrett. Nach einer Weile startet sie erneut, dreht ihre Runde, diesmal aber fliegt sie in entgegengesetzter Richtung durch die Tür in den dunklen Korridor. Sie surrt herum und verschwindet, angelockt wiederum vom Licht, drüben im Schlafzimmer. Ich höre, wie ihr Brummen leiser wird, wie es, nachdem sie durchs Fenster in die Freiheit gelangt ist, sich verliert. Und staune über die Sicherheit, mit der sie den Weg fand, den einzigen, der ihr offenstand – zurück ins Dunkel, um in die Helle zu kommen.
Vogelzug
Mit der Bahn fahren im Mai
Wenn auf dem Dach die Zugvögel nisten
Aus der Dämmerung am Fenster
Ein Flügel erscheint, der sich aufschwingt
Über unseren Köpfen schreien
Die Jungen nach Futter und Frösche
Aus vorüberziehenden Teichen zappeln im Schnabel
Mäuse aus morgenstillen Wiesen werden
Geköpft und zerteilt, sobald der Zug hält
Schweigen die Vögel, der Fahrtwind ist
Ihr Atem, das Pochen der Räder ihr Herz
Vor Neapel gezeugt, im Brutloch der Alpen
Aus der Schale gebrochen, ein erstes
Zaghaftes Kreisen über den Weiten des Rheinlands
Zwischen Brüssel und Moskau die lange Liebesnacht
Zug fahren im Mai
Wenn die Flügel an die Scheiben schlagen
Das Dach die ganze Nacht bebt
Von tanzenden Füssen.
Windpark
Raben Raben jeden Abend Rabenrat
Rabenhokk auf den drei Birken zwischen
Immergrünen Mistelbüscheln lokken
Rokken sie gedukkt mit langen Nakken
Jeden Abend ein stokkender Chor wie Noten gereiht
Und einer im Frakk dirigiert das Kra
Und Kra und Kra aus Pech ein Rabengrollen
Pokkennarbiger Birkenbefall
Die Ästchen schwankend unter der Trauerlast
Wenn sie bis weit in den Abend in einem Laut
Den Tag ausdrükken Angst Schrekk und Warnung
Mit einem und demselben Schokklaut kakken und
Schäkkern in ein und derselben Farbe hochzeiten
Nisten und brüten mit Kra und Kra und Kra fressen
Füttern dem Feind einen Fekken zerhakken jeden
Abend minimal art im Rabenkotbaum
Im wiegenden Birkenkissen Birkenwispern Lispeln Fisteln
Bis im langsam sich entladenden Akku des Lichts
Das Schokk näher zusammenrükkt und
Seine Rufe verklakken verschlakken versakken.
Ikarus
Einen Rucksack voll Federn
Trug er zu Berg und
Einen Kessel Leim.
Als die Flügel trocken waren
Stiess er ab von der Wand
Sah, wie gross das Land war
Das ihm nicht gehörte.
Zwischen Himmel und Erde
Ganz Körper.
Er sah, wie die Menschen ihre Stiefel
In fremde Häuser setzten
Auf der Suche nach Heimat
Grenzzäune zogen, Brot und Wein hergaben
Für Pistolen. Er hörte sie mitten im Lied
Sich fallen ins Wort.
Zwischen Himmel und Erde flog er ruhig
Wie ein Gedicht. Vom Fliegen
Musste er den Leuten erzählen
von der Wohnung über den Häusern.
Es ist nicht wahr, dass er abgestürzt ist
Er landete eng und sicher zwischen den Mauern.
Vor einer Tür
Oder dahinter
Ist er verhungert.
Über das Landen
Das Schönste am Fliegen sei das Landen, sagt Guido der Kunstflieger, der Moment, in dem das Flugzeug noch ganz in der Luft, aber so nahe am Boden sei, dass es praktisch auf diesem rolle, ohne ihn freilich zu berühren, so dass nicht zu unterscheiden sei, ob die Flügel oder die Räder es trügen, und es im Unentschieden zwischen Aufwind und Schwerkraft dahingleite. Ihm komme das, sagt Guido, stets vor wie der Vorgang der Geburt, wenn das Wasserwesen den Mutterleib verlasse und eigentlich die Atmung einsetzen müsste, die Hülle das Atmen aber noch verhindere.
Die Gesetze der Natur lägen untereinander im Streit, die einen regierten in Verhältnisse hinein, für welche schon andere zuständig wären, die ihrerseits einzugreifen suchten, bevor die einen außer Kraft gesetzt seien. In dieser Konfusion kreuze und überlagere sich alles derart, dass die Sprache für Augenblicke in Ausstand treten müsse, bevor sich Klärung eingestellt habe und sie das zu Gebärende als Neugeborenes feiern oder den Tiefflug definitiv als Landung bezeichnen könne.
In dieser für die Logik, ja den menschlichen Verstand überhaupt unzugänglichen Region liebe er sich aufzuhalten, solange es die aerodynamischen Verhältnisse nur irgend zuließen. Allein um in ihr einige Momente lang zu verweilen, steige er wieder und wieder ins Flugzeug. Die Momente seien, das müsse er hinzufügen, schwer erkauft. Denn mit dem Fliegen komme die Angst. Nicht die Angst vor dem Absturz. Er könne es jeweils kaum erwarten in der Luft zu sein und er würde lügen, wenn er behauptete, dass er den Flug nicht von der ersten bis zu letzten Minute auskoste.
Der Augenblick, wo das Flugzeug den Boden verlasse, sei kurz und eindeutig, es gebe kein Zögern und kein Dazwischen, kaum habe er Vollgas gegeben, sei er auch schon dem Boden entrissen, sehe unter sich das Flugfeld wegsacken, das sich je nach Flugbewegung beliebig kippen, drehen, wenden und wegwischen lasse. In der Freiheit des unermesslichen Raums vergesse er alles, die Zeit, seinen Körper, das Wetter und das Bodenpersonal, und nichts sei ihm ferner als der Gedanke, dass er früher oder später aus der unendlichen Beweglichkeit, aus der Gelenklosigkeit wieder in das Skorbutdasein eines Landwesens zurückkehren müsse.
Er dehne den Flug aus, so lange es nur gehe, bis ihn von unten Notsignale und Alarmmeldungen erreichten. Was ihn schließlich zur Landung zwinge, sei aber weder ein plötzlich aufziehender Sturm noch die drohende Nacht oder der zur Neige gehende Treibstoff, sondern die wachsende, nicht zu unterdrückende Angst, endgültig zum reinen Seelenwesen zu werden, zu einem am Himmel herumtreibenden Geist, dem es nie vergönnt wäre, ein saftiges Steak zu essen oder eine Frau zu begehren.
Die Rettung vor dem Tod, dem Sich Auflösen im Äther, dem Wegschweben in das ewige Dunkel habe er in der Tat ausschließlich seinem Magen und seiner Sinneslust zu verdanken. Das Landen sei die einzig wirklich angstfreie Zeit des Fluges, in der er noch ganz Luftgeist sein, sich gleichzeitig schon auf ein gutes Essen freuen dürfe, ohne dass die überirdische und die erdgebundene Existenz sich noch zu einem Entweder-Oder verknorpelt habe.
Er koste das unentschiedene Luftstolpern und Bodenschweben aus, bis das nahende Ende des Rollfelds ihn in den Akt der endgültigen Landung zwinge. Am liebsten würde er wieder Gas geben und durchstarten, aber der Magen habe ihn nun so sehr in seiner Gewalt, dass er einen neuerlichen Eintritt in die Sphäre der Todesnähe ohne Übelkeit nicht durchstehen würde.
Der Applaus der Zuschauer, die Freude in den Augen 80 seiner Frau, ja sogar die Vorwürfe des Bodenpersonals trügen ihn noch einige Minuten wie eine Wolke, die sich langsam auflöse und ihn sanft aufsetze, der innerlich noch immer im Nirwana zwischen Himmel und Erde, im Sprachlosen dahingleite. Sobald er von Essen, Trinken und der Liebe satt sei, ziehe es ihn mit aller Gewalt wieder in die Schwerelosigkeit, und alle seine Gedanken, Gefühle, Träume, sein ganzes Fleisch- und Knochenwesen dränge mit unwiderstehlicher, gebieterischer, unerklärlicher Macht zum nächsten Flug, zum Abheben in die Nähe des nächsten Todes
Englisch im Viervierteltakt
Mein Seel möcht gehn away from here
Will Engel sein, ihr ist mein Leib
Nicht good enough, so geht mein soul
Mein treue soul away
Away lässt mich alone
Kommt never back
Down here ich Rest muss gehn mein way
Alone ich rest auf Erden wenn sie
Angel wird so lass mich auch
Lass mich verdammich Engel be
Down here and there und everywhere
Wohin sie geht, lass mich hingehn
Lass mich verweilen, too. Alas
Ich darf, ich kann, ich will noch nicht
Alas, muss bleiben wo ich bin
Seit je schon wusste sie to go
A way irgendwohin a way
Den ich seit je don’t know.