Texte
Beben über der Reuss
- aus dem gleichnamigen historischen Roman
Catherine Meyer
Der Muri-Amthof richtet sich in Bremgarten
schlossgleich über der Reuss auf.
Ereignisse sind an Orte gebunden. Mögen sie zeitlich
noch so weit auseinanderliegen, sie durchdringen
einander, hinterlassen Spuren.
Die Texturen der menschlichen Leben haben sich über
die Jahrhunderte hinweg in diesem Haus ineinander
verflochten.


1970 – Vor wenigen Wochen sind wir nach Bremgarten in den Muri-Amthof,
das Haus meiner Grosseltern, gezogen.
Die Mauern umschliessen mich, sie sind Schutz, aber auch Bedrohung.
Manchmal möchte ich das ganze Gebäude umarmen, als wäre es mein
Liebstes, an gewissen Tagen zieht es mich so schnell wie möglich nach
draussen, als müsste ich flüchten.


Treffen im Muri-Amthof
Selbstbewusst und zielstrebig schreitet Anna Adlischwyler Bullinger an einem Freitagnachmittag im März 1530 durch die Gassen von Bremgarten. Der Frühling lässt sich Zeit. Es ist noch frisch, Anna hält den bodenlangen, schwarzen Mantel eng umschlungen. Die innere Unruhe ist ihr nicht anzusehen. Das flache, schmalrandige Barett betont klein und keck ihren herzförmigen Haaransatz. Am Hinterkopf fasst ein feines Tuch ihr Haar. Ihre grossen mandelförmigen Augen sind geradeaus auf den Boden gerichtet. Das wohlgeformte, offene Gesicht mit der etwas langen Nase strahlt eine feinsinnige Klarheit aus, ein Grübchen im Kinn unterstreicht ihre liebenswürdige Ausstrahlung. Sie hat nicht den kürzesten Weg gewählt, sondern steigt die steile Treppe hinter dem Kirchenbezirk in der Bremgarter Unterstadt hinauf in die Oberstadt. Leicht ausser Atem eilt sie durch die Villingergasse. Zur Linken bläst ihr die Hitze der Schmelzöfen aus den Schlossereien entgegen. Endlich beim oberen Stadttor angelangt, biegt sie in die belebte Marktgasse, wo offene Läden und Buden die Blicke anziehen. Sie schnappt Gesprächsfetzen auf und sieht Mägde miteinander lachen. Von den Bäckern dringt ein köstlicher Duft zu ihr. Kurz schaut sie zum Haus ihrer Schwiegereltern am oberen Ende der Marktgasse, schreitet jedoch gleich weiter, um beim grossen Spittel in die Schwyngasse zu kehren.

Sobald sie den Trubel hinter sich gelassen hat, atmet sie auf, niemand hat sie wahrgenommen. Sie ist auf dem Weg zu Abt Laurenz von Heidegg ins Bremgarter Amtshaus des Klosters Muri. Am anderen Ende der Gasse, hinter dem hölzernen Brunnen, erblickt sie bereits die Mauer mit dem Durchgang zum Muri-Amthof. Der Abt will die Frau des ersten reformierten Pfarrers in Bremgarten treffen, schiesst es ihr durch den Kopf – hoffentlich weiss Abt Laurenz, was er tut und wie er Geschwätz verhindert. Hinter der Häuserzeile zu ihrer Linken zieht die Reuss weit unten vorbei. Der Fluss umarmt die Stadt in einer grossen Schlaufe. Zwischen den Häusern der Schwyngasse und dem reissenden Wasser liegt die steile Hofstatt, wo Obst angepflanzt wird. Hier auf der oberen Stadtseite sieht und hört Anna den Fluss nicht. Sie muss laut lachen, als ihr das Antoniusschweinchen über den Weg rennt. Nach alter Tradition darf das Tier hier frei herumlaufen und sich an den Abfällen gütlich tun. Genüsslich grunzend macht es sich über ein paar faule Kohlblätter in einem offenen Hausdurchgang her. Es füllt sich den Bauch so lange, bis der klösterliche Metzger Gefallen an ihm findet. Eigentlich wäre Antonigasse ein würdigerer Name für die Adresse eines Amtshofs. Anna mag den heiligen Antonius, er wäre ein sympathischer Schutzpatron; seine Versuchungen machen ihn so menschlich. Doch der Geruch erinnert sie daran, wem die Schwyngasse ihren Namen verdankt. Ausserdem haben die Heiligen einen schweren Stand im jetzt reformierten Bremgarten.

Tief in Gedanken versunken schreitet Anna die Gasse hinunter in Richtung Brunnen, ihrem Treffen mit dem Abt entgegen. Ihr Blick heftet sich an die Eingangspforte in der Mauer. Ist es tatsächlich erst ein halbes Jahr her, seit sie im Pfarrhaus von Bremgarten wohnt? Seit sie Heinrich geheiratet hat? In den letzten Monaten hat Anna sich an die Rolle der verheirateten Frau gewöhnt und sich hier eingelebt. Sie ist bereits 26 Jahre alt und hat die letzten Jahre im Dominikanerinnen Kloster Oetenbach in Zürich gewohnt. Seit ihrer frühen Jugend hatte sie dort zwischen Sihl und Limmat am Fusse des Lindenhofs die Schule besucht. Und jetzt? Ihr Leben ist wie umgestülpt. Schützend hält sie die Hand auf ihren Bauch; dass sie so schnell schwanger würde, hätte sie nicht gedacht. In den kommenden Monaten wird sie sich auf das Leben als Mutter einstellen können.


Unauffällig dringt aus einer Tür wenige Schritte vor dem Eingangsportal mattes Tageslicht in den dunklen Gang. Wuchtig thront hier im Schlafzimmer meiner Eltern ein Tresor, so gross wie ein Backofen. Er ist in die Wand hinter dem Ehebett eingelassen. Der sorgfältig aber einfach geschmiedete Wächter, mit dem die schwere schwarze Eisentür beschlagen ist, steht mit offenem Mund über dem Schlüsselloch. Unauffällig harrt er dort der Dinge. Nur etwa zehn Zentimeter misst er. Sein breitkrempiger Hut, sein spitzer Bart, der übergrosse Kopf auf dem leicht gedrungenen Körper in Ritterkleidung, alles demonstriert Wehrhaftigkeit. Die linke Hand hält den Schwertgriff an seiner Hüfte, der rechte Arm ist anklagend nach vorne ausgestreckt. Er hält schweigend Gericht über die Menschen, die in diesem Haus ein und ausgehen.

Im Estrich gibt es die besten Verstecke. Er ist vollgestopft mit kuriosen Sachen: Im zweiten Stock finden wir ein altes Grammophon, ein Gerät mit einer Lampe, in das wir Glasscheiben schieben und lustige Bilder anschauen können, uralte Deckenleuchten, Kinderwagen und Reisekoffer in allen Variationen. In den vielen Nischen befinden sich die merkwürdigsten Gegenstände, auch alte verstaubte Zeitschriften und Bücher liegen herum. Auf der ersten Etage gibt es zwei Zimmer der ehemaligen Bediensteten. Links von der Dachluke mit dem Flaschenzug ist noch ein Raum. Hier sind die Regale gefüllt mit weissen Seifen und Konserven. Sogar auf dem Tisch steht ein Berg von Seifenblöcken, gross wie Pflastersteine.

In der Primarschule muss ich die Frage, welcher Religion ich angehöre, beantworten: Es gibt «protestantisch», «katholisch» oder «jüdisch». Ich frage zuhause, wo ich das Kreuzchen machen muss. Mein Vater löst mein Problem: «Wir sind «protestantisch» oder «reformiert», das ist dasselbe.» Meine Mutter schweigt, meine Eltern haben noch nie mit mir über Religion gesprochen.

Wenn ich mich mit einer Freundin ins Gästezimmer im oberen Stockwerk schleiche, um zu spielen, gibt es ein kleines Ritual: Ich öffne eine knarrende geheimnisvolle Tür, wobei das alte Schloss laut kreischt. – Hoffentlich wacht meine Oma nicht aus dem Mittagsschlaf auf. – Der Anblick ist einschüchternd: Wir stehen in unserer kleinen Kapelle zwischen ein paar Bankreihen. Wenige Stufen führen zum prächtigen Altar hinauf. Links und rechts blicken vier Äbte aus düsteren Porträts von den Wänden auf die kleinen Besucherinnen herunter.

Gleich neben dem Eingang reihen sich drei Urnen aneinander. «Hier drinnen sind meine Urgrosseltern und mein Opa.» Jedes Mal, wenn ich erkläre, mit wem wir es zu tun haben, nehme ich eine Urne in die Hände und schüttle sie. Ich tue das nicht mit böser Absicht, es ist, als ob die Urne berührt sein will. Wir hören etwas rasseln. «Das sind die übrig gebliebenen Knöchelchen», sage ich entschuldigend. Gruseln und Überlegenheitsgefühl halten sich die Waage.

Die Abende verheissen Kerzenlicht und Geborgenheit. Während meine Brüder, auf dem roten Buchara-Teppich liegend, Schach spielen, vertiefe ich mich am liebsten in ein Buch. Hinter uns zieren 30 alte Familienwappen die Wand: weltliche und geistliche Kurfürsten, Herzöge, Markgrafen, Freiherren und Dienstmannengeschlechter machen hier ihre Aufwartung. Sie kommen mir vor wie Schutzschilde aus der fernen Vergangenheit.
Ich stelle mir vor, wie der ursprüngliche Hausherr Laurenz von Heidegg seinen Fries bewundert. Heute dreht er sich um und zwinkert mir zu. Überrascht lasse ich das Buch sinken und schaue mich um. In dem Moment schlägt einer meiner Brüder wütend eine Schachfigur um. Ich lasse mich kurz ablenken, und schon ist der Geist verschwunden.

Jeden Abend steige ich nach dem Zähneputzen die Holztreppe hoch. Sie liegt im Herzen des Hauses, hinter einer leichten Tür mit zwei kleinen Glasscheiben. Hier oben befinde ich mich in einem anderen Reich. Ich gehe den schmalen, finsteren Gang entlang. Rechts davon ist das ehemalige Esszimmer meiner Grosseltern, seit Opas Tod unbenutzt und geschlossen. Ich beeile mich, den Lichtschalter in der Mitte des Gangs zu erreichen. Eine Sekunde bevor ich den Schalter betätige, stellen sich mir die Nackenhaare. – Die schwache Lampe macht einen Umkreis von einem Meter dürftig sichtbar und erlöst mich kurzfristig. Mit wenigen Schritten erreiche ich das Gästezimmer und den nächsten Lichtschalter. Weiter, im hinteren Teil befindet sich die Tür zu meinem Schlafzimmer. Sie kommt hinter einem mächtigen Kleiderschrank zum Vorschein. Ich reisse die Tür auf: Licht an! Jetzt muss ich nochmals den ganzen Weg zurück und ein Licht nach dem andern wieder löschen. Das Herz schlägt mir bis zum Hals, ich renne von Schalter zu Schalter. Endlich schliesse ich hinter mir die Schlafzimmertür. Nur langsam beruhige ich mich, hier fühle ich mich beschützt. Neben mir in der Kapelle wacht Anna selbdritt über die Toten.
 
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