Texte
Corona-Trilogie
Karin Bongartz
1.Teil, Einkaufen Frühjahr 2020

Ich hätte nie geglaubt, dass Einkaufen ein Problem sein könnte, nicht für mich und nicht in der Schweiz.
Vor zwei Wochen bin ich 65 geworden, genau zwei Wochen zu früh. Man hat beschlossen, dass Einkaufen ab 65 schädlich sei, schädlich für uns Alte und schädlich für die Anderen, die Jüngeren. Schädlich für uns Alte, weil wir schwer krank werden könnten. Schädlich für die Anderen, die Jüngeren, weil wir, die Alten ihnen, den Jüngeren, in einem solchen Falle die Spitalbetten wegnehmen könnten.

Sie die Jüngeren dürfen einkaufen gehen, weil sie die Jüngeren, eigentlich nicht schwer krank werden würden, aber falls sie die Jüngeren doch schwer krank werden würden, würden wir die Alten ihnen den Jüngeren die Spitalbetten wegnehmen.

Ich will selbst einkaufen.
Man sagt ich sei zu alt, genau zwei Wochen zu alt.
Ich sage, ich trage eine Maske im Supermarkt.
Man sagt, die Maske nütze nichts und ich solle meine Restbestände an Masken gefälligst ans Altersheim abgeben.
Wenn sie nichts nützt, sage ich, warum soll ich meine Restbestände an Masken im Alters-heim abgeben.
Weil ich sie nicht brauche, sagt man. Ich soll eine App herunterladen, damit fremde Leute für mich einkaufen und mir das Essen kontaktlos vor die Tür stellen.
Ich will keine App herunterladen, ich will nicht, dass fremde Leute für mich einkaufen und ich will nicht, dass mein Essen auf der Strasse steht.
Ich würde nicht nur den Altersheimen meine Unterstützung verweigern, sagt man, sondern auch die Anderen im Supermarkt beunruhigen, die denken könnten, ich sei krank, wenn ich eine Maske trüge.
Nehmen wir an, ich sei krank, sage ich, dann könnten die Anderen ja beruhigt sein, dass ich eine Maske trage und sie nicht anstecke.
Nein, nein, das sei ganz anders, sagt man. Mit Maske würde ich ständig unnötige Panik-attacken im Supermarkt auslösen.
Das sei gar nicht möglich, sage ich. Ich sei eigentlich nicht ständig im Supermarkt, sondern nur einmal die Woche und kaufe dann alles auf einmal ein.
Das seien Hamstereinkäufe, sagt man, damit würde ich den Anderen die Regale leer fressen.

Nachdem ich in so kurzer Zeit der unterlassenen Hilfeleistung, der Erregung öffentlichen Ärgernisses und der Mitschuld an der Mangelernährung meiner Mitmenschen beschuldigt worden bin, habe ich beschlossen doch einkaufen zu gehen.

Ich höre, dass im Kanton Uri Alten der Zutritt zu Supermärkten verweigert wird.
Ich werde unruhig. Nach zwei Tagen erklärt der Bundesrat das Verbot von Uri für ungültig. Aber kurz darauf werden über 65jährige in Tessiner Supermärkten abgewiesen.
Von meiner Schwägerin höre ich, dass im Kanton Solothurn Menschen mit grauen oder weissen Haaren gezielt von Zivilschützern vor Supermärkten abgefangen werden und dass ihnen Zettel mit Lieferanten-Adressen aufgedrängt werden.

Ich bekomme Angst. Vielleicht wird auch mir in den Kantonen BS und BL schon Morgen der Zutritt zu meinem Essen verweigert. Jetzt hat es auch mich erreicht. Mit sechs Grossein-
käufen an nur einem einzigen Tag lege ich mir Vorräte für die nächsten drei Monate zu.

Im Supermarkt werde ich im 5 Minutentakt daran erinnert, dass Menschen ab 65 zu Hause bleiben sollten. Aber ich halte durch, nur noch einen Tag! Nur noch diesen einen Tag!
Jetzt lagern in meiner grossen Gefriertruhe Fleisch, Fisch, Butter und Gemüse. Im kalten Keller Kartoffeln, Zwiebeln, Äpfel und Birnen. Im Kleiderschrank Zucker, Mehl, Reis, Teig-waren, Polenta, getrocknete Erbsen, Bohnen und Linsen. Wenn ich meine Haarbürste brauche, greife ich in den Erdnuss-Vorrat. Wenn ich meine Wäsche waschen will, muss ich zuerst die UHT Milch, Essig und Öl bei Seite räumen. Wenn ich den Besenschrank öffne, kommt mir das WC Papier entgegen. Dabei habe ich das meiste WC-Papier in meinem Auto. zwischengelagert.
Ich hätte nie geglaubt, dass Einkaufen ein Problem sein könnte, nicht für mich und nicht in der Schweiz.


2.Teil, Leo

In der Krise ist eine spezielle Begegnungskultur entstanden. Noch nie habe ich so wenige Menschen leibhaftig gesehen. Noch nie habe ich so viele Emails und WhatsApp-Botschaften mit tragenden Texten, Musikbeiträgen und Gedichten bekommen. Aus den WhatsApp Profilbildern strahlen mich fröhliche Blumen an, rosarot und rot, Foto-Typ maximal auf-heiternd. Aber ich will nicht heiter sein, ich sonst Blumenfan und Freizeitfloristin, will keine Blumen mehr sehen, keine einzige mehr. Ich will meiner Angst, meinem Frust einen Ausdruck geben.

Mein Profilbild ist ab heute schwarz, rabenschwarz, schwarz wie die Nacht. So schwarz, wie es in mir da drin aussieht! Eine Freundin ruft mich an. «Dein schwarzes Loch guckt mich an.» Ich kontere, dein Profilbild ist grau. Am nächsten Tag sitzt meine Freundin in ihrem Profilbild, mit ihrer Enkelin auf dem Schoss. Daraufhin verändere ich mein Profilbild leicht, immer noch schwarz, mit ein paar glühenden Stellen, Reste eines Lagerfeuers – Foto-Typ Hölle! Ich will aus meinem Profilbild herausschreien, herausschreien, dass ich das alles nicht mehr aushalte, ich und mein Mann, zu zweit allein, keine anderen Menschen mehr in unserer Nähe. Kein Tanzpaar mehr, mit dem man auf fast leerer Tanzfläche zusammenstösst, keine Schwimmerin, die einem mit ihrem schlechten Kraulstil fast ertränkt, keine Turnschwester, die mit einem Fuss auf meiner, statt auf ihrer Matte steht, kein Gartenfest mehr, dass bei Regen mit maximal vielen Menschen in einer winzigen Wohnung endet.
Keine Reibung, kein Kontakt, nichts!

Ich finde ein passendes Foto einer Frau, in Gestalt einer Holzfigur, die schreit, so wie ich die ganze Zeit schreien könnte. Ich setze die schreiende Frau in mein Profilbild.
Niemand meldet sich mehr mit klugen Sprüchen.

Dafür erreichen mich immer mehr Botschaften von Bekannten über 65, die mir schamhaft gestehen, dass sie ab und zu laufen gehen. Es ist zwar nicht ausdrücklich verboten, frische Luft tue gut, heisst es von offizieller Stelle, aber wie soll man die pausenlosen Botschaften «Wenn Sie über 65 sind, bleiben sie zu Hause» oder «Blib dahei ab 65» denn verstehen?

Einige aus meinem Bekanntenkreis finden mit «dahei» sei wirklich nur die eigene Wohnung gemeint, andere sagen «dahei» sei das Wohn-Quartier, wieder sagen «dahei» sei ihr Wohn-ort, wieder andere finden «dahei» sei die ganze Schweiz. Eine Freundin erklärt mir, «dahei» sei als eher Metapher zu verstehen - im Sinn von «dahei» sei überall auf der Welt, wo man sich zu Hause fühle -solange man zwei Meter Abstand halte, kein Feuer mache und es irgendwie schaffe über die Grenze zu kommen.

Es erreichen mich auch Botschaften von Menschen, die mir gestehen, dass sie regelmässig laufen gehen. Aber nur wegen und nur mit ihrem Hund. Damit geben sie mir zu als Nicht-
Hündelerin zu verstehen, dass ich kein Recht habe meine Wohnung zu verlassen.

Ich höre, dass sich immer mehr Menschen mit Hundewunsch bei Tierheimen melden.
Ich lese, dass in Paris, Rentner mit Stoffhunden in der Öffentlichkeit aufgegriffen wurden.
Und jetzt fällt mir auf, dass es in meiner WhatsApp Abteilung mehr Hunde als Blumen gibt. Neben all den roten, rosafarbenen Blumen-Profilbildern, gibt es Hunde, Hunde, Hunde.
Wenn jemand einen Hund hat, dann setzt er ihn jetzt im Profilbild!!!!

Ich beschliesse, dass ich einen Hund brauche. Einen Hund für mein Profilbild.
Ich suche einen Hund, der mir gefällt, mit einem netten Frauchen oder Herrchen.
Das ist nicht einfach! Ich gehe auf die Jagd. Nach zwei Wochen begegnet mir das Wunder, in Gestalt einer fröhlichen Frau mit drei Eseln und einem Hund. Der Hund ist erfrischend selbstbewusst. Ich weiss, was ich zu tun habe.

«Mein Gott ist der süss!!! Und so stark. - Unter uns gesagt, der Hund ist höchstens 30 cm lang und 10 cm hoch. - Und der hütet drei ausgewachsene Esel!!! BOHHHH!
Darf ich ein Foto machen?» Sie, die Hundehalterin ist gerührt und hilft mir beim Fotografieren. Ich nenne ihn Leo, Leo wie der Löwe. Ich glaube nicht, dass er in seinem wirklichen Leben so heisst. Ich setze Leo in mein Profilbild. Ich bin stolz auf Leo.

3.Teil, Das Gute an

Mir wird immer wieder empfohlen an das Gute zu denken, das die Corona-Krise mit sich bringt. Ich habe grosse Mühe damit. Und - Es gibt ein paar Sätze, die mir in dem Zusammenhang säuerlich aufstossen. Einer davon ist:
«Die Entschleunigung tut ja auch gut.»

Ich verstehe, dass Menschen, die mit maximal zwei ehrenamtlichen Tätigkeiten vollauf zufrieden wären und sich im Laufe der Jahre in 15 Wohltätigkeitsorganisationen wiederfinden, froh sind, wenn sie plötzlich all diese Tätigkeiten, für unbestimmte Zeit von aussen verboten bekommen. Ich glaube nicht, dass alte Menschen, die ab und zu tanzen oder schwimmen gehen und jetzt monatelang allein oder allein zu zweit in ihrer Wohnung dahin vegetieren glücklich entschleunigt sind.

Ich verstehe, dass Pendlerinnen und Pendler, mit vollem Lohn, in einer Festanstellung und ohne Betreuungspflichten und nur solche, also Pendler*innen mit vollem Lohn, Festan-stellung und ohne Betreuungspflichten froh sind, wenn sie endlich ein paar Monate im Homeoffice arbeiten dürfen. Ich bin sicher, dass Menschen, die ihre Anstellung verlieren, Menschen, deren Betrieb Konkurs geht und Menschen, die vom Kurzarbeitslohn weder sich und noch ihre Familie ernähren können, nicht glücklich entschleunigt sind.

Ein weiterer Satz ist:
«Ich habe gelebt.»
Diesen Satz habe ich in der Krise sicher 50, gefühlte 500mal immer wieder in derselben leicht bis schwer entrückten Art gehört, nämlich so: «Es gibt in den Spitälern viele ältere Menschen, die auf ihr Spitalbett verzichten und sagen, ich habe gelebt.» So als wenn es auf der ü 65 Seite nur Menschen gäbe oder sogar geben sollte, die in der Corona Krise freiwillig von vorneherein auf jede medizinische Hilfe und auch auf ihr Leben verzichten.
Ich kenne reale alte Frauen, die jahrelang mit Fabrikarbeit das Studium ihrer Brüder finanziert haben, jahrzehntelang im Familienbetrieb ausgebeutet worden sind, ihre Kinder grossgezogen, ihre Enkelkinder betreut, ihre Eltern gepflegt und nebenbei immer wieder schlecht bezahlt erwerbstätig gewesen sind. Diese realen über 80jährigen Frauen sagen mir heute «Eigentlich lebe ich erst seit zwei Jahren.» Aber eins habe ich verstanden, es wäre so viel einfacher, wenn genau diese Frauen wieder einmal verzichten würden und diesmal endgültig auf den Rest ihres Lebens.

Ein weiterer Satz ist:
«Wenn aussen nichts läuft, muss man nach innen schauen.»
Haben Sie schon einmal nach innen geschaut? Oder Sie? Glauben Sie mir, ich habe nach innen geschaut, aber Sie, Sie möchten nicht wirklich wissen, wie es dort drinnen bei mir aussieht!!!

Ob ich, so werde ich gefragt, der Corona Krise denn gar nichts Positives abgewinnen könnte.
Ich frage Sie, muss man einer Pandemie mit mehr als 6 Millionen Toten, mit Milliarden von traumatisierten Menschen und wirtschaftlichen Schaden, der die Welt die nächsten 40 Jahre beschäftigen wird unbedingt etwas Positives abgewinnen?
Ich finde nein!

Ob ich, so werde ich gefragt, mir nicht wenigstens etwas Mühe geben könnte und ob ich denn gar nichts gelernt hätte.
Ich gebe mir Mühe:
• Ich habe gelernt, dass es gut wäre, genügend Akutbetten in den Spitälern zu haben.
• Ich habe gelernt, dass es gut wäre, Desinfektionsmittel, Masken und Medikamente auch im eigenen Land herzustellen.
• Ich habe gelernt, dass es gut wäre, die Masken, sind sie einmal hergestellt, zu lagern, auch wenn das etwas kostet.
• Ich habe gelernt, dass es gut wäre, Pflegefachkräfte anständig auszubilden, anständig zu behandeln und anständig zu zahlen.
Ob es nicht noch weitere, sozusagen persönliche Erkenntnisse, so ganz persönlich bei mir hier drinnen, gäbe, werde ich gefragt. Ich denke nach.
Doch es gibt noch ein paar sehr persönliche Erkenntnisse:
• Es ist möglich, dass monatelang 4 Flugzeuge pro Tag, statt 21 Flugzeuge pro Stunde landen. Das ist sehr persönlich! Ich wohne unterm Südanflug, ich habe sie alle gezählt.
• Es ist möglich, dass auf unserer Strasse 500 statt 4000 Autos pro Tag vorbeifahren.
• Es ist möglich, dass ein Teil der Bevölkerung monatelang im Homeoffice arbeitet.
• Und es ist möglich mit diesen Massnahmen ganz nebenbei sehr schnell und wirksam den CO2 Ausstoss zu verringern.

Und wenn ich jetzt all diese sehr persönlichen Erkenntnisse für Sie in gutem Corona-Deutsch zusammenfasse, dann sieht das so aus:
So schützen wir uns
vor der Klima-Krise:
Nehmen wir Abstand von
• Kohle
• Erdöl
• Erdgas
• Unnötigen Flügen
Gemeinsam schaffen wir das!
Danke für Ihre Solidarität.







 
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