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Das abrupte und das allmähliche Ende einer Komfortzone
Thomas Schweizer
Ich lese von einem Spitzensportler, dass er die Komfortzone endgültig verlassen habe. Oder von einer Spitzensportlerin, dass sie glaubte, die Komfortzone verlassen zu müssen. Was für Gedanken lösen diese kurzen Sätze in mir aus?

Tatsächlich hat der eine noch keine grossen Erfolge errungen und sie vermochte nach grossen Triumphen während langen Monaten nicht mehr an frühere gloriose Zeiten anzuknüpfen. Mutmasslich, weil vor allem der Spitzensportler sich im Training zu wenig angestrengt, es sich zu bequem gemacht und sich jeweils zu gemütlich auf den Wettkampf vorbereitet hat. Pomadiges Training, er hat sich keine grosse Mühe gegeben, keinen Willen zur Leistung gezeigt, keine konkreten Ziele angestrebt. Training als Hobby, als Freizeitbeschäftigung ohne Ambitionen. Und doch will er etwas erreichen, Erfolg haben.

Fortan will er nun bestimmt härter, ausdauernder und zielgerichteter trainieren. Er will leiden, um dem Erfolg näher zu kommen. Vielleicht braucht er auch Hilfe, Ratschläge von einem erfahrenen Kameraden oder von einem ausgebildeten Trainer. Dieses gedankliche Szenario muss nicht stimmen, immerhin ist es aber denkbar und plausibel.

Mir scheint, das Wort «Komfortzone» habe gerade Hochkonjunktur. Kein Tag vergeht, ohne dass ich ihm nicht in den Medien begegne. Der Begriff besteht aus den zwei Einzelwörtern «Komfort» und «Zone». Sie haben nichts miteinander zu tun. Erst als zusammengesetztes Nomen ergibt sich daraus eine Aussage eine neue Bedeutung. So eigenartig, seltsam, ja faszinierend kann die deutsche Sprache sein. Neben der Komfortzone kennen wir ja auch die Kampfzone, die Parkzone, die Tarifzone, die Bauzone, die Ostzone, die Wartezone oder die Todeszone.

Doch was bedeuten die zwei Wörter in einem unterschiedlichen Kontext? Komfort meint meistens etwas Behagliches, Gemütliches, Vertrautes oder Sicheres. Komfort erleichtert uns das Leben. Es ist etwas Gewohntes, eine Art Wohlfühloase und kann durchaus auch ein gelebter, störungsfreier Alltag sein, oder – laut Duden – eine Ausstattung mit einem gewissen Luxus.

Eine Zone ist ein Raum, ein Ort, eine begrenzte Fläche. Die Zeitzone ist uns allen ein Begriff. Er meint, die willkürlich festgelegten Zeitabschnitte rund um den Erdball. Zeitzonen spielen beim Reisen eine wichtige Rolle. Wir fliegen über viele Zeitzone, was wir im Moment gar nicht wahrnehmen. Allenfalls müssen wir die Uhren immer wieder neu richten. Die Reaktion des Körpers stellt sich erst später ein.

Ganz anders ist es mit der Komfortzone. Sie zu verlassen, bedeutet in aller Regel Leiden, Mühsal, Unannehmlichkeiten hinnehmen, den Kampf mit den Tücken des Alltags aufnehmen. In unserem Fall des Spitzensportlers kann ich mir vorstellen, dass er seine Trainingsmethoden, seine Ernährung, gegebenenfalls seine Ernährung und sein Material (seine Bekleidung) umstellen, das heisst verbessern muss. Das wird nicht ohne Anstrengungen und womöglich auch nicht ohne Mühen und Leiden gehen. Zudem muss er die Schmerzengrenze ausreizen und sich täglich genau beobachten.

Was mich betrifft, der ich weder ein Spitzensportler noch ein Spitzenautor bin, so hat mich die Aufgabe, einen Text zum Begriff «Komfortzone» zu verfassen, nicht mehr losgelassen, im Gegenteil, während Wochen beschäftigt. Ich bin quasi im Fluss meines täglichen Schreibens auch ein wenig aus dieser Komfortzone gedrängt worden.

Ich habe mir Geschichten ausgedacht und wieder verworfen. Eine neue Geschichte und noch eine ist mir immer wieder durch den Kopf gegangen. Geschichten erzählen das Leben. So will ich nun von meiner Mutter erzählen, die im Mai 1940 brutal aus ihrer Komfortzone gerissen worden ist. Den Begriff kannte man allerdings noch nicht, und «Komfort» meinte vor allem materielle und sichtbare Bequemlichkeiten und ein bisschen Luxus in den Wohnungen und im Haus. Meine Mutter wurde von einem Moment auf den andern zu einer jungen Witwe mit einem 18 Tage alten Büblein im Kindbett. Sie erlebte in schwierigsten Zeiten hochgradige existentielle Verlusterfahrungen.

Am 10. Mai erfolgte die zweite Generalmobilmachung und zwölf Tage später war ihr Mann tot. Keine Frage, ich betrachte diese Tatsache heute als die erste Niederlage meines Lebens. Das Büblein war ich, und nicht einmal der neugeborene Sohn vermochte seinen Vater von seiner schrecklichen Tat abzuhalten. Die inneren Dämonen in seiner Seele und das Dickicht der Depressionen waren stärker als seine Frau oder ich. So ist er mitten im blühenden Leben freiwillig aus dem Leben geschieden.

Die Komfortzone meiner Mutter wurde fortan zur Kampfzone. Die Behörden waren in den 1940er Jahren nicht zimperlich, und auch Halbwaisenkinder waren gefährdet, indem sie als Verdingkinder auf einem Bauernhof verschachert wurden. Zum Glück blieb mir dieses trostlose Schicksal erspart.

Ich hätte schreiben können von der Komfortzone Sprache. In der Sprache bin ich zu Hause. Sie gehört zu mir wie meine Kinder und meine Grosskinder zu mir gehören. Und nun beschleichen mich in den letzten Jahren Zweifel, ob mir diese Vertrautheit, dieses Element des Kreativen und Beseelten, nicht vielleicht abhanden gekommen sind? Und ich mich nicht weiter in der Komfortzone befinden. Die neuen Erscheinungen Gendersprache, politische Korrektheit, Wokeness und kulturelle Aneignung fordern mich heraus. Ich weiss ja, dass sich die Sprache ständig verändert, dass auch mich mit allen neuen Sprachphänomenen auseinandersetzen muss. Ich akzeptiere das gerne und mache mit. Aber die Gendersprache ist keine Komfortzone mehr für mich. Ich brauche ungeniert weiter das generische Maskulinum, denn ich möchte niemanden durch Sternchen, Doppelpunkten und anderen Schnickschnack ausgrenzen, absondern und das Lesen künstlich erschweren. So mutiert Jahrzehnte später analog Mutters heroischer Haltung für mich die Sprache von der Komfort- zur Kampfzone.

Eine andere Geschichte erzählt vom allmählich einsetzenden Abschied von der Komfortzone. Es war vor zwei Jahren als meine Frau von einem dämonischen Tumor befallen wurde und den Kampf gegen ihn letztlich verloren hatte. Ihre Pflege war für mich alles andere als eine Komfortzone, sondern eine schlichte Selbstverständlichkeit. Sie wollte zu Hause bleiben in ihrer vertrauten Umgebung. So stand ich ihr bei, so gut es ging, oft hilflos und oft verzweifelt. Ich habe ihr Sterben und ihren Tod miterlebt, ich war verloren und ins Dunkle gefallen. Es brauchte Zeit, um die Helle wieder zu suchen und das Leben wieder zu finden.

Die Blockade des Denkens und die Schockstarre des Handelns habe ich indes nur allmählich überwunden, der Schmerz und die Trauer bleiben. Sie sollen bleiben, ich will es gar nicht anders haben. Sie sind und bleiben ein Teil von mir. Mutter hatte mich aber gelehrt, dass das Leben keine Komfortzone ist, dass man das Unabänderliche hinnehmen und das Leben auch in widrigsten Umständen bewältigt werden muss. Ohne ihren Kampf um mich und ihren Lebensmut hätte mein Leben womöglich eine andere Wendung genommen.

Heute lebe ich in einer Art inszenierter Komfortzone. Ich kann meiner eigenen Geschichte nicht ausweichen, und dass die Zeit alle Wunden heile, ist ein Narrativ, das der Wahrheit nicht entspricht. Aber ich brauchte keine Trauerarbeit. Wozu denn? Heute lebe ich in einem Bereich, in dem sich trotz allem gut leben lässt, schwankend zwischen Alleinsein und gemeinsamem Gestalten durch schöpferische Arbeit. Die Gnade eines gütigen Schicksals will es, dass ich in diesem schwebenden, fluiden Zustand zwischen Vergangenheit und eigenem Ende dieses Leben wieder spüre, dieses pralle, pulsierende, unbegreifliche, ungerechte, brüchige, unsichere und verstörende Leben wieder in vollen Zügen und in seiner ganzen Fülle in mich aufnehmen kann. Aber Vorsicht: Trauen Sie der Werbe-Schwerindustrie, die Ihnen ein «golden age» vorgaukelt, nicht: Das Alter ist definitiv keine Komfortzone. Eher wird sie allmählich zu einer Todeszone. Danke!
 
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