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Drinnen und draussen
Karin Bongartz
Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob Sie drinnen oder draussen sind- oder wo Sie drinnen und wo Sie draussen sind? Oder wann Sie drinnen oder draussen sind? Zum Beispiel heute Abend: Ich komme aus Allschwil. Vor 1 Std. war ich noch da draussen in Allschwil. Jetzt bin ich hier drin in Bubendorf, aber von Allschwil aus gesehen ist Bubendorf da draussen.

Drinnen und draussen sind Ortsbeschreibungen, deren Bedeutung sich je nach Perspektive ändert. Nun könnte man meinen, dass es mit den Begriffen Inländer*in und Ausländer*in ähnlich gehandhabt wird. Das heisst Inländer*in bin ich, wenn ich in einem Land lebe und Ausländer*innen sind alle, die ausserhalb von diesem Land, also im Ausland leben. Das ist aber nicht so!!! Der Begriff Ausländer*in beschreibt zumindest in der Schweiz keinen Zustand nein, sondern den Konditional, jawohl den Konditional! Nämlich wie es sein könnte oder sogar sein sollte!

In der Schweiz gibt es viele Menschen, die seit Jahrzehnten, seit Geburt oder sogar über Generationen im Inland leben und trotzdem Ausländer*innen genannt werden. Nun hört man oft, dass diese Menschen, die früher einmal im Ausland gelebt haben oder solche, deren Vorfahren aus Ausland eingewandert sind, dorthin zurückkehren sollten, wo sie früher einmal gewesen sind oder dorthin zurück- ja zurückkehren sollten, wo sie noch nie gewesen sind, aber hätten sein können. Soviel zum Thema Konditional. In der Schweiz leben viele Ausländer*innen ihr ganzes Leben im Inland! Sie leben in einem Inland- Ausland, in einem Drinnen = Draussen, einer surrealen Welt.

Es gibt auch Inland-Inländer*innen. Das sind Menschen, deren Vorfahren das Gebiet der späteren Schweiz vor deren Gründung besetzt haben oder deren Vorfahren vor dem 1. Weltkrieg eingewandert sind, zu einer Zeit in der man sich noch nicht um dieses Thema gekümmert hat. Das hat es auch einmal gegeben, eine Zeit in der man sich nicht um das Thema gekümmert hat!

Dann gibt es Ausland-Ausländer*innen, die draussen im Ausland leben, kurz in die Schweiz kommen, in dieser kurzen Zeit möglichst viel konsumieren und wieder ins Ausland zurückkehren. Sie sind in der Schweiz unter dem Namen Tourist*innen sehr beliebt.
Wenn man jetzt in diesem Inland-Ausland, in diesem drinnen=draussen lebt, könnte es sein, dass man sich nicht so wohl fühlt. Warum? Man möchte dazu gehören. Was kann man tun? Kann man dann Schweizerin werden? Jein! Man kann Schweizer Bürgerin werden? Was muss man tun? Warten-Warten-Warten, zehn Jahre warten, dann ein Einbürgerungsgesuch stellen, ein Einbürgerungsverfahren durchlaufen, die Einbürgerungsgebühr bezahlen und dann ist man Schweizer Bürgerin ……………oder auch nicht! Es gibt Personen, die es schon zehnmal probiert haben und immer noch Ausländer*innen sind. Es gibt Familien, die die Einbürgerungsgebühren für die gesamte Familie nicht bezahlen können. Die bleiben natürlich Ausländer*innen! Nehmen wir an, man hat die Hürde geschafft und ist Schweizer Bürgerin und hat einen Schweizer Pass. Ist man dann Schweizerin? In den Augen einiger Mitmenschen nicht unbedingt. Man bleibt Ausländerin, weil man früher einmal Ausländerin gewesen ist.

„Do foi mir nuit nois a. E schwyzer Pass isch Papier, Papier isch gedueldig. Papier isch Papier und Bluet isch Bluet. Und e Passbürgerin isch kei richtige Schwyzerin, sondern äbe halt numme e Passbürgerin.“

Integration läuft über die Sprache. Viele Deutsche freuen sich, weil sie schon eine der vier Landessprachen beherrschen. So einfach ist das nicht. Deutsch wird in der Schweiz geschrieben, geredet wird Dialekt. Wenn man nun trotzdem deutsch redet, dann klingt das in Ohren von einigen Schweizer*innen zu fordernd, zu grob und vor allem viel zu perfekt. Nun….. wenn man längere Zeit in der Schweiz lebt, könnte man ja Dialekt reden…. könnte man. Man macht sich damit nicht unbedingt beliebt. Es heisst, man biedert sich an und tut so, als wenn man hierhin gehört, wo man absolut nichts verloren hat!!!
Wenn man selbst betroffen ist, dann ist guter Rat teuer. Guten Rat bekommt man aus dem Freundeskreis.

Eine Schweizer Freundin gab mir folgenden Rat.
«Du muess alles Duitsche a Diir usmärze!»
«Ausmerzen!?»
«Und vor allem muess überall und immer Dialekt rede.»
«Überall, das geht doch gar nicht, zum Beispiel an einer überregionalen Fachtagung mit Fachkräften aus dem Tessin, aus der Romandie, aus Deutschland und Österreich. Die verstehen mich doch gar nicht, wenn ich Dialekt rede!» 
«Worum muess Du descho ums Verecke verstande werde?»
«Also, das finde ich jetzt dick! Sehr dick!»
«Sorryyy!»
«Da ist noch etwas. Ich habe einen Akzent, das hört man doch?»
« Akzount? Na und! Behaupte eifach Du chiemsch us nem andere Kanton!»
(Zu ihr) «Aus einem anderen Kanton???»
(Zum Publikum) «Ich habe also gesagt, ich komme aus einem anderen Kanton, ich habe es probiert! Es funktioniert!“»
«Und de muess eifach mit üs über Dine Landslüt lästeren, und jätz mal unter üs geseit, die Duitsche si au so öppis von grob, fordernd und vollkomme unverschämt odrr.»
 
Ein Freund aus Basel, aufgewachsen in Düsseldorf, hatte eine ganz andere Idee.
«Pass op, dat is janz eenfach. Mer maake a Parallelwelt op, e Parallelwelt Düsseldorf, medden en Basel, met leeve Lüt us Düsseldorf. Und denn träffe mer ons zu Kaffee on Kuche, so wee sisch dat jehöt. Und wenn et denn jet jodes jit, för zom Beispeel e frei wädende Wohnung, en Auto, dat noch fäht, odder en jode Ahbiedsstell, dann jeht dat nor noh an Lütt we dech on mech. Dat is zwar nit so jeplant jewesen, aber dat is jetz eenfach so.»
Diese Stelle wird hier in der Regel nicht verstanden, also übersetze ich: «Pass auf, das ist ganz einfach. Wir gründen eine Parallelwelt, eine Parallelwelt Düsseldorf, mitten in Basel, mit netten Leuten aus Düsseldorf. Und dann treffen wir uns zu Kaffee und Kuchen, wie man das so macht. Und wenn es dann etwas Gutes gibt, zum Beispiel eine Wohnung, die frei wird, ein Auto, das noch fährt oder eine gute Arbeitsstelle, dann verteilen das nur noch unter uns. Das wollten wir zwar nicht, aber jetzt ist es halt so.»

Eine Bekannte, Schweizerin mit kroatischen Wurzeln hatte folgende Idee.
«Wenn eines Tages vor dem Morgengrauen alle Ausländer, alle Doppelbürger und alle Ausländisch- stämmigen das Land auf einmal gemeinsam und ohne Vorankündigung verlassen würden. Die Restschweizer versuchen zur Arbeit zu kommen, wie jeden Tag. An der Tram-Haltestelle kommt die erste böse Überraschung. Die Leuchtanzeige verkündet «Der Fahrbetrieb ist heute auf allen Linien eingestellt. Grund: Unerwartete Ereignisse. Dauer der Störung unbekannt. Wir danken für Ihr Verständnis.»

Einige Schweizer rufen bei der Taxi-Zentrale an. Dort läuft der Anrufbeantworter «Heute fährt kein Taxi. Grund ausserordentliche Ereignisse. Wir danken für Ihr Verständnis.» Sie verstehen zwar gar nichts, aber sie müssen zu Fuss zur Arbeit gehen, einige brauchen eine Stunde oder mehr. In der Firma angekommen fehlt die Hälfte der Belegschaft, die andere Hälfte kommt mehr oder weniger zu spät.

Nehmen wir an, es handelt sich um ein Büro. Die Tische quellen über von Akten. Im Email- Account warten über 1000 unbeantwortete Emails. Die Telefone klingeln ununterbrochen. In der Mittagspause versuchen die Schweizer essen zu gehen. Aber: Das nette Thai-Restaurant um die Ecke, der Italiener, der Spanier, der Grieche, die türkische Imbissbude haben geschlossen. Sie laufen zu einem Schweizer Traditionslokal, aber der tamilische Koch und das südamerikanische Küchenpersonal sind nicht erschienen.

Irgendwie muss man sich verpflegen und geht zum Supermarkt. Die Regale im Supermarkt sind halb leer. Weder Fahrer noch Bestückerinnen arbeiten. Man greift sich etwas Essbares aus dem Regal, steht eine geschlagene Stunde an der einzigen besetzten von sechs Kassen an und verlässt den Supermarkt mit kläglicher Beute.

Der Arbeitsnachmittag verläuft genauso wie der Vormittag. Vollkommen erledigt machen sich die Schweizer auf den Heimweg, natürlich zu Fuss, vorbei an unendlich vielen Müllsäcken, die nicht abgeholt worden sind. Zu Hause werden einige von ihren betagten und Pflege bedürftigen Eltern erwartet, die das Pflegeheim in den frühen Morgenstunden entsorgt hat. Andere treffen auf ihre schulpflichtigen Kinder, die den ganzen Tag unbeaufsichtigt zu Hause verbracht haben. Die Schulen sind wegen akuten Lehrkräftemangels geschlossen. Von der Nachbarschaft erfahren sie: Fast alle Branchen sind total zusammengebrochen. Allen voran die Gesundheitsbranche, inklusive der Notfall-Station. In den meisten Krankenhäusern sind nur noch das Klinikleiter-Büros besetzt.

Ja dann, dann würden sie uns endlich verstehen, sie würden endlich begreifen und dann, dann würden sie uns endlich vermissen!!!  Sie würden uns endlich vermissen!!!!»
Seit einiger Zeit fährt die Strassenbahnlinie 8, von Basel Schweiz nach Weil in Deutschland. Ich wollte meiner Tante zu Weihnachten ein Päckchen nach Düsseldorf schicken. Als die Schweizer Postbeamtin meine Zolldeklaration «Duschgel, Bodylotion, Seife, Parfum» liest, sagt sie
«Das können wir nicht von hier drinnen nach da draussen schicken!» 
«Aber wieso denn nicht?»
«Parfüm ist Gefahrengut»
«Gefahrengut??»
«Parfum enthält Alkohol und das ist Gefahrengut.»
«Was soll ich denn tun? Ich kann das Parfüm doch nicht aus dem Päckchen reissen?»
Sie hatte einen guten Rat «Fahren Sie doch nach drüben!» 

Also nehme ich mein Päckchen und fahre mit der Linie 8 nach Weil. Und nach einiger Zeit stehe ich an dem Postschalter in Weil in einer unendlich langen Warteschlange. Eine deutsche Kundin, die meinen Schweizer Absender auf dem Päckchen sieht, gibt mir unmissverständlich zu verstehen, dass ich als Schweizerin, jawohl ich als Schweizerin diese deutsche Warteschlange an einem deutschen Postamt vollkommen unnötig verlängere. Ich kann das Päckchen aufgeben und gehe noch schnell in den Supermarkt nebenan.
Dort suche und finde ich «Hering mit Sahne», eine rheinische Delikatesse, die es bei uns in der Schweiz fast nicht gibt. Und da ich nicht weiss, wann ich wieder mal nach Weil komme, packe ich alle sechs Döschen ein. Im Regal nebenan finde ich Rote Grütze, auch die gibt es nicht bei uns. Dazu natürlich Vanille-Sosse, alles schon fix und fertig gekocht. Natürlich nehme ich auch da, alles was ich kriegen kann.

Hinter mir höre ich die Stimme einer erbosten deutschen Kundin «Wieder so eine Schweizerin! Die sind die Schweizer, sie kommen herüber, räumen uns die Regale leer und fressen uns die Haare vom Kopf.»
Und dann begreife ich: Für sie bin ich nicht einfach eine Kundin, die früher aufgestanden ist als sie oder eine Kundin, die Lagerhaltung betreibt und schon gar nicht eine Auslands-deutsche, die ab und zu rheinische Spezialitäten vermisst. Für sie bin ich eine dieser fiesen Schweizer*innen, die extra herübergekommen ist, um den armen Deutschen das Leben schwer zu machen.

Was soll das denn eigentlich heissen, sage ich!
Warum, warum können wir nicht einfach Menschen sein, Menschen, die einkaufen, Menschen die arbeiten, die schlafen und sich lieben. Warum müssen wir immer Inländer*innen oder Ausländer*innen sein, ein kleines bisschen drinnen und meistens draussen und aussen vor.
Eine ganze Menschheit im OFF.
Was soll das denn eigentlich heissen???
Das frage ich Sie!
Danke.





















 
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