Eine Angelegenheit der Heiterkeit
Isabelle Schaub
23. März 2026
Mein Name ist Hermiel. Ich bin der Leiter des Projekts „Schutzengel-
Management“. Ich arbeite auf lokaler Ebene für die Zuteilung von Schutzengeln
an Bedürftige. Dank unserer hervorragenden Strategien und fachlichen
Expertisen können wir ein hohes Mass an Zufriedenheit bei unseren Kunden
feststellen. Unsere Fünf-Jahres-Bilanz ist von der Führungsetage mit dem
Prädikat „besonders effektiv“ ausgezeichnet worden.
Im folgenden möchte ich Ihnen ein gelungenes Beispiel unserer Arbeit
vorstellen.
Es handelt sich um eine junge Frau, nachfolgend Violetta genannt.
Angenehm in der Erscheinung und freundlich im Wesen, erlebte sie mehrfache
Verletzungen ihrer Grenzen. Nicht zuletzt handelte aber auch sie selbst gegen
ihre Natur, indem sie sich zu hohe Massstäbe setzte. Hier konnten wir
korrigierend eingreifen.
Hier also der Bericht.
Violetta war eine junge Frau, die regelmässig in Bedrängnis geriet mit ihrer
männlichen Umwelt.
Ich muss hier anmerken, dass die Geschehnisse aus dem geschichtlichen
Kontext heraus zu verstehen sind. Die sexuelle Revolution in den 70er Jahren
überforderte viele Menschen und trieb auch bisweilen seltsame Blüten.
Die Erfüllung eines an sie herangetragenen sexuellen Begehrens war für
Violetta ein Höflichkeitsauftrag, eine Geste ähnlich dem Handschlag zur
Begrüssung.
Erzogen darin, den Menschen freundlich zu begegnen, empfand Violetta
Mitleid mit Männern, die erklärten, ihr Anblick verursache Schmerzen bei
ihnen im Schritt und könne nur durch ihr Eingreifen gelindert werden.
Ein weiterer Konflikt gesellte sich erschwerend hinzu: Sie betrachtete
körperliche Hingabe als notwendig zu entrichtende Miete für den Erhalt einer
Freundschaft.
Nachdem wir von der Leitstelle auf diese Notsituation aufmerksam gemacht
worden waren, wurden wir tätig.
Wir arbeiten mit dem Einsatz unterschiedlicher Massnahmen und entsenden
unsre Schutzengel individuell an unsere Kunden angepasst.
Im Falle von Violetta handelte es sich um transparente Ballons, die wir ihr ums
Handgelenk gebunden hatten, die niemand sehen konnte und deren Aufgabe es
war, mittels eines leichten Ziehens ihr Handeln zu stören, zu unterbrechen und
im besten Fall zu beenden.
Selbstverständlich mussten wir unsere Kundin von der Aktion unterrichten und
auch ihr schriftliches Einverständnis einholen. Violetta zeigte sich dankbar und
hoffnungsvoll.
Es handelte sich also um kleine Ballons, die nicht mehr Gewicht hatten als
normale Luftballons und in die hinein wir unsere Schutzgeister gesetzt hatten.
Nummer eins war der korpulenteste von allen. Er war von einem tiefdunklen
Rot. Aber nur für Eingeweihte sichtbar. Ihm oblag die Aufgabe, ihr Herz für
sich selber schlagen zu lassen. Hierin war Violetta gänzlich ungeübt.
Eins übermittelte ihr – ohne Worte, aber direkt in ihr Denken hinein – die
Einsicht, ihr Körperfeld nicht der falschen Begierde zur Beackerung vorlegen
zu müssen. Er stärkte sie mit heftigem Ziehen und Zupfen und liess sie Mal für
Mal erkennen, dass auch die Hingabe an einen fremden Egoismus einen
Verstoss gegen das Leben bedeutete.
Hier benötigte Violetta auch die Hilfe von Nummer zwei. Er trug die Farbe
hellrot, und wie sein Kollege eins machte er ihr deutlich, dass sie im passiven
Erdulden dieselbe ungesunde Schwingung betrat wie der aktiv Verletzende.
Zwei führte sie deshalb ein in die für sie vollkommen unbekannte Lust am
Neinsagen.
Er liess sie zunächst auf allgemeinen Gebieten üben wie „eine Anfrage
ablehnen“, „ein energieraubendes Gespräch beenden“, „einen Auftrag
ausschlagen“ und er zeigte ihr elegante Umschreibung für ein Nein. Er machte
sie bekannt mit Sätzen wie:
„Das muss ich erst noch überlegen.“
„Im Moment eher nicht.“
„Das passt gerade weniger.“
„ Das sehe ich anders.“
„Ein andermal vielleicht.“
Nach und nach wuchs Violetta ein neues Selbstbewusstsein zu. Es ist hier zu
vermerken, dass ihr Handgelenk eine geraume Zeit lang stark gerötet war von
Nummer zweis konsequentem Eingreifen. Eine Bagatelle, wenn man den Erfolg
bemisst.
Nummer zwei hatte noch einen Zwillingsbruder, die zweite Zwei. Seine Farbe:
zartes Hellrosa. Aber nur...für Eingeweihte sichtbar.
Seine Aufgabe war es, Violetta zu trösten, wenn sie nun vor lauter Neinsagen
sich bisweilen fragte, ob das Leben ihr denn nie wieder ein Ja gestatten wollte.
Dann zupfte er ganz sacht und nahm sie in Gedanken mit auf eine Reise. Meist
in eine sonnige Gegend. Es konnten Hügel darin vorkommen oder auch Berge
oder der silbern glänzende Horizont über einem Gewässer. Es konnte aber auch
nur sein, dass er ihr einen kräftigen Wind schickte, der ihr um die Ohren blies
und in dessen Stimme sie den Ruf des Geliebten erkannte. Dann wusste
Violetta, dass alles gut werden konnte.
Eine ebenfalls sehr wichtige Aufgabe hatte Nummer drei.
Seine Erscheinungsform ähnelte ein wenig der eines Champignons. Er war von
hellbeiger Farbe. Aber nur....
Violetta war der Überzeugung, alle anderen hegten reinere Absichten als sie
selbst und man wolle ihr generell nur Gutes. Eine gehörige Portion Naivität,
wenn man mich fragt oder vielleicht auch nur eine zu abgeschirmte Kindheit?
Jedenfalls musste Nummer drei sie in Situationen führen, in denen sie
benachteiligt oder gar angegriffen wurde. Seine Aufgabe war es, sie in dieser
Lage zu begleiten und zu unterstützen. Von grosser Sanftmut wie er war, zog er
sehr subtil an ihrem Handgelenk und füllte ihr leeres Erfahrungsfass mit
praktischen Kenntnissen auf. Man könnte sagen, er unterrichtete sie in
Seelenradiologie und lehrte sie die Fähigkeit zu unterscheiden.
Zu unterscheiden, was nützlich und was schädlich war für sie und auch, dass
Schädliches abgewiesen werden durfte.
Eine besondere Aufgabe übernahm schliesslich Nummer vier.
Wir mobilisierten ihn erst gegen Ende unseres Einsatzes und gaben ihm eine
weissliche Farbe. Aber nur...
Eine merkwürdige Eigenschaft Violettas war hierfür der Anstoss.
Sie ertrug keine Disharmonie. Nicht bei sich selbst, nicht im Aussen. Eine
Existenz ausserhalb der Perfektion war für sie nicht annehmbar.
Widersprüchlichkeiten waren für ihr Gleichgewicht eine Bedrohung.
Äusserten zwei Menschen gegensätzliche Ansichten, stürzte es sie in tiefe
Betrübnis. Hier musste unsere Nummer vier etwas weiter ausholen. Er lockte
sie deshalb in Konzerte, in Theateraufführungen, an Tanzveranstaltungen und
liess ihr Bücher in die Hände fallen. Seine Botschaft lautete: Ohne
Disharmonie keine Spannung, und ohne Spannung keine Musik, kein Tanz,
keine Literatur, keine Kunst, kein Leben.
Es gab aber noch einen weiteren Grund, weshalb wir Nummer vier für diese
Aufgabe gewählt hatten. Dieser Schutzengel verfügt über profunde theologische
Kenntnisse. Insbesondere sind ihm die aramäischen Schriften geläufig, wonach
Jesus von Nazareth zu den Pharisäern gesagt haben soll:
„Ich bin nicht gekommen, um Harmonie zu verbreiten, sondern um gute
Streitgespräche zu führen.“
Damit konnte Nummer vier bei Violetta punkten.
Nach und nach entwickelte sie eine Sicherheit im Erkennen, ob ein Zwiespalt
der ihre war oder nicht, lernte abzuschätzen, ob sie sich einzubringen hatte und
begann tatsächlich Freude zu empfinden an Diskrepanz und
Auseinandersetzungen.
Ich würde an dieser Stelle gerne ein paar Beispiele anbringen; aber aus
Datenschutzgründen darf ich weder Namen nennen, noch Zeitangaben machen.
Sie werden verstehen!
Festzuhalten ist, dass Violetta mit ihren Schutzpatrons lernte, vom Leben
Gebrauch zu machen als einer Angelegenheit der Heiterkeit.
Mit der Zeit, als sie viel vom Wesen ihrer Beschützer in sich aufgenommen
hatte, bemerkte sie eines Tages, wie die Schnüre um ihr Handgelenk sich zu
lockern begannen.
Nun wusste sie, dass der Moment gekommen war, ihre Freunde zu
verabschieden.
Eins, Zwei, die zweite Zwei, Drei und Vier lösten sich sanft und begaben sich
zurück ins lichte Blau der grossen Ordnung.
Violetta hatte ihnen vor der Abreise aber noch rasch die Namen von ein paar
Freunden zugeschoben, und wie freute sie sich, als sie eines Tages einen ihrer
alten Freunde am Handgelenk eines Bekannten entdeckte.
Natürlich blieb er nur für Eingeweihte sichtbar.