Texte
Schutzengel und andere geflügelte Wesen
Samael
Hansjörg Roth
Mein Name ist Samael. Man nennt mich auch „Sohn des Morgenrots“. Oder: „Luzifer“, Licht-träger.
Ich wurde aus Feuer und Wasser erschaffen. Wir alle wurden aus Feuer und Wasser erschaffen: die Erzengel, die Cherubim und die Serafim und alle Heerscharen.
Wir wurden erschaffen von dem, der alles erschaffen hat. Wir nennen ihn „El-Olam“, den Ewigen, „El-Schaddai“, den Allmächtigen, „El-Eljon“, den Höchsten. Doch am liebsten ist ihm der Name „El-Elohim“, Gott der Götter.
Er selbst nennt sich „Ich-bin-der-ich-bin“.
Ich aber war der Oberste von allen, der höchste Himmelsfürst, der über alle Völker der Engel herrschte und über die Planeten. Denn, während die Serafim und Cherubim je sechs Paar Flügel haben, so hatte ich deren zwölf. Ich sage, „ich war“ und „ich hatte“, denn nichts von dem, was ich einst gewesen, bin ich mehr.

Nie werde ich die Stunde vergessen, als El-Elohim die Welt erschaffen hatte und uns am sechsten Tag um sich versammelte und sagte: „Ich will einen Menschen machen“, und fragte, was wir davon hielten.
Da schielten wir zueinander hin und blickten für und wider. Was meinte El-Elohim damit? Waren denn nicht wir Engel erschaffen worden, damit wir über die Welt herrschten? Was also sollte ein Mensch? Etwa an unserer Stelle herrschen, womöglich noch über uns selbst? Da begannen einige zu murren, dass ein solches neues Wesen ja wohl nur Unheil über die Welt bringen würde.

Doch darüber ergrimmte El-Elohim so sehr, dass er seinen Finger reckte und sie alle verbrannte. Und als weitere Engel nun darüber murrten, reckte El-Elohim abermals den Finger und verbrannte auch sie. So blieben nur wir übrig.

Da sprach El-Elohim: „Ich habe euch nach meinem Ebenbild geschaffen. Deshalb seid ihr nicht fruchtbar und mehrt euch auch nicht. Nur die anderen Geschöpfe, die ich erschaffen habe, die Tiere und Pflanzen, sie sind fruchtbar und mehren sich, doch sind sie nicht nach meinem Ebenbild. Deshalb, lasst uns einen Menschen erschaffen nach unserem Abbild, dass er euch Engeln gleiche, aber dennoch fruchtbar sei und sich mehre wie die anderen Geschöpfe.“
Da sprachen wir: „O Herr der Welt. Tu, was dein Wille ist! Dieser Mensch aber, was soll er auf Erden?“

Da sprach El-Elohim: „Er soll herrschen über die Fische des Meeres und die Vögel des Himmels, über das Vieh und alles Wild des Feldes und über alles Kriechende, das sich regt auf Erden. Denn so wie ein König erst Städte baut und setzt danach einen Fürsten über das Volk, so soll herrschen der Mensch an meiner statt. Darum soll er erschaffen werden nach unserem Bild.“

Und El-Elohim sammelte aus allen vier Enden der Welt ein Stück Erde, um daraus den Menschen zu formen. Denn sollten der Mensch und seine Nachkommen dereinst von Ost nach West oder von Süd nach Nord wandern und sollte ihnen dabei die letzte Stunde nahen, so dass ihre Leiber in die Erde gelegt werden, so könnte kein Erdteil ausrufen: „Hinweg! Kehre zurück an den Ort deines Ursprungs, denn du bist nicht von meinem Staub!“ Sondern ein jeder Erdteil müsste den Menschen zurücknehmen und sagen: „Von allen Erden der Welt wurdest du genommen, darum darfst du auch wieder zu meiner Erde werden.“
So schuf El-Elohim den Menschen: Aus rotem Staub schuf er des Menschen Fleisch und Blut, aus schwarzem Staub seine Eingeweide, aus weissem Staub seine Knochen und Sehnen und aus olivbraunem Staub seine schimmernde Haut.

Danach führte er den Menschen vor uns hin, damit wir unser Haupt vor ihm beugten. Und ich, Samael, der Oberste der Engel, sah, dass sich die Engel nicht mehr vor mir beugten, sondern sich von mir abwandten, denn sie waren entzückt von dem erschaffenen Menschen.
Da sprach ich: „O Herr der Welt, aus dem Glanz deiner Herrlichkeit erschufst du uns, und vollkommen war meine Gestalt. Sollen wir uns da etwa beugen vor einem Wesen aus Staub?“ Dabei nickten einige der Engel mir zu und pflichteten mir bei.

Doch El-Elohim antwortete: „Wohlan, aus Staub habe ich den Menschen erschaffen, doch seine Weisheit ist grösser als eure.“
Als ich mich aber dennoch weigerte, mich vor dem Menschen zu beugen, stiess mich El-Elohim mitsamt meiner getreuen Engelschar aus dem Himmel!
Doch während ich fiel, schrie ich ihm zu: „Herr der Welt! Über die Wolken und Sterne will ich mich erheben. Und mir einen eigenen Thron errichten und selbst der Höchste sein!“ Und beschloss, mich gegen El-Elohim zu erheben und den Engeln zu zeigen, dass nur ich unter allen Geschöpfen ihre Verehrung verdiene.

Mit meinen Getreuen stieg ich hinab auf die Erde, in den Garten Eden, um mir dort einen Genossen zu finden. Doch unter all den Geschöpfen, die El-Elohim erschaffen hatte, war keines, das für mein Vorhaben klug genug gewesen wäre.
Da nahm ich selbst eine neue Gestalt an. Ich verwandelte mich in ein Wesen, so aufrecht wie ein Schilfrohr und so hoch von Wuchs wie ein Kamel: mit schmalem Hals und schlankem Leib, mit hohen Läufen und kräftigen Fesseln.
Und ich dachte an den Menschen und wie ich ihn verführen könnte, damit er mein Genosse würde und sich mit mir gegen El-Elohim auflehne.
Andererseits aber wusste ich: Würde ich mit dem Mann sprechen, so würde er nicht auf mich hören, denn es ist schwer, des Mannes Sinn zu beugen, weil dieser sich von Natur aus durch nichts beirren lässt. Deshalb spreche ich besser mit der Frau, seinem Weib, das andere auch „Männin“ oder „Eva“ nannten. Denn die Frau ist von Natur aus leichteren Sinnes und wird gewiss auf mich hören.
Doch ich hatte mich verrechnet.

Wohl war die Frau im Garten, und wohl verführte ich sie, von der verbotenen Frucht des verbotenen Baumes zu essen, und verführte sie auch dazu, dem Menschen von der Frucht zu geben, so dass sie beide aus dem Eden verstossen wurden. Doch diese Strafe war dem Menschen nicht hart genug, um mein Genosse gegen El-Elohim zu werden. Er beugte sich dem Urteilsspruch gehorsam wie ein Knecht – und liess mich allein. Und wie El-Elohim sah, dass ich keinen Beistand hatte, war seine Rache an mir umso schlimmer.

„Samael“, sprach er. „Zum Grössten gemacht habe ich dich von allen Engeln. Aber du hattest nicht Genüge daran und wurdest deshalb von uns fortgewiesen.
Weil du nun aber eine noch grössere Missetat begangen hast, sei verflucht vor allem Vieh und vor allem Getier! Beraubt sollst du werden deiner Hände und Füsse, und weder Ohr noch Flügel bleibe dir, noch irgendein anderes deiner Glieder. Denn kriechen sollst du auf Brust und Bauch von nun an und für immer. Und sollst von nun an ‚Schlange‘ genannt werden!“

Und ehe ich begriff, fuhren sogleich die Engel herzu, hackten mir Hände und Füsse ab! Zerschnitten mir die hohen Läufe und kräftigen Fesseln. Zerschlugen mir Ohren und Flügel, so dass mein Schmerzgeschrei vom einen Ende der Welt zum anderen ging.

Und weiter sprach El-Elohim: „Du solltest des Menschen Speise essen, aber du hattest nicht Genüge daran. Deshalb sollst du von nun an Staub und Erde fressen, und deine Speise soll sich im Maul zu Gift verwandeln!“
Und weiter sprach er: „Und indem du den Menschen verführt hast, hast du die böse Rede in die Welt gebracht. Deshalb sollen alle an deiner Zunge erkennen, dass sie es war, die dich zu Fall gebracht hat!“
Und bevor ich wieder begriff, ergriffen mich die Engel erneut und rissen mir die Zunge in zwei Stücke. Und abermals schrie ich auf, doch die Stimme sprach: „Nichts hilft dein Schreien, und noch ist dein Schmerz nicht Strafe genug. Denn weil du Verleumdungen sprachst wider mich, soll ein Aussatz dir die Haut versehren mit lauter Schuppen!“

Und wieder packten mich die Engel und rissen mir das Fell vom zuckenden Leib, damit mir nichts blieb als die blosse Haut, auf der von nun an der schuppige Aussatz wuchern sollte.
Und nach all dem packte mich El-Elohim samt meiner getreuen Engelschar und warf uns in die Scheol. Und so hoch ich einst gestanden war, so tief wurde mein Fall, denn ich war klüger als alle Geschöpfe und wurde darum mehr verflucht als alle Geschöpfe.

Zu jener Stunde aber, da ich verworfen wurde, verstummten alle Tiere, das Vieh, die Vögel und sämtliches Getier. Denn zuvor hatten sie alle mit menschlicher Sprache gesprochen. Nun aber bekam jedes eine eigene Sprache, je nach seiner Art, und der Mensch versteht sie nicht mehr.

Doch das kümmert mich nicht. Denn seither hause ich in Mitternacht. Dort, wo die Kammern mit dem Höllenfeuer stehen und die Speicher voller Schnee, voller Hagelkörner, Frost, Dunkel-heit und Stürme.
Dort haust auch Lilit, Adams erstes Weib, mit ihren Dämonen.
Und Belija’al mit seinen Geistern.
Und ich, Samael, mit meinen Engeln.
 
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23. März 2026
 
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