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Im richtigen Moment – zur rechten Stunde
Marco Panozzo
Michael Keller war wie jeden Morgen um halb 8 zu Fuss auf dem Weg zur Arbeit, der unterhalb seines Hauses dem See entlangführte und ihn nach ca. 30 Minuten in die Firma brachte, in der er arbeitete. Er schätzte diese Zeit, die er morgens und abends für sich allein hatte zwischen dem Job und dem Zusammensein mit seiner Familie. Er besetzte eine Kaderstelle in einem Informatikunternehmen, verdiente gut und war für seine Fachkenntnisse in der Branche anerkannt. Seine Frau arbeitete im Gesundheitswesen, seine Kinder im Teenageralter gingen noch zur Schule.

Er war Ende 40 und beobachtete seit einiger Zeit Entwicklungen, die ihn beschäftigten, um nicht zu sagen, etwas beunruhigten. Wirkliche Probleme hatte er keine, aber er wurde sich der ersten Anzeichen bewusst, die das Älterwerden mit sich bringen. Die Figur war nicht mehr ganz so athletisch, er nahm leicht zu, brauchte seit kurzem eine Brille und bei geselligen Anlässen mit jüngeren Mitarbeitern stellte er fest, dass er nicht mehr automatisch als ein Teil von ihnen wahrgenommen wurde. Ein paar Wochen zuvor war zudem eine junge Frau in die Firma eingetreten und er hatte sich dabei ertappt, wie er bei ihr mit seinem Verhalten Eindruck machen wollte. Kurzum, es stellten sich bei ihm diese leichten Verwerfungen ein, die einen Mann in seinem Alter befallen und die bei ungenügender Beachtung und etwas leichtsinnigem Verhalten schnell in etwas Gefährliches münden konnten.

Auf ca. halber Strecke kam er an einer Villa in einem schönen Park direkt am See vorbei, die Besitzer kannte er nicht. Manchmal brannte Licht, aber er hatte noch nie Leute im oder um das Haus gesehen. Eines Tages, er folgte unterdessen einem neuen Arbeitsrhythmus, war er später unterwegs ins Büro und sah zum ersten Mal eine Frau am Fenster im 1. Stock stehen. Sie war vielleicht etwas älter als er, aber eine elegante Erscheinung, passend zur vornehmen Umgebung. Sie schaute auf den See hinaus und als sie ihn sah, verfolgte sie seinen Gang unten auf dem Weg, bis er hinter den Bäumen auf dem Grundstück verschwand. Michael fragte sich, weshalb er erst nach Jahren feststellte, dass Leben in diesem Haus war.

Als er abends nach Hause kam, erwähnte er die Begegnung mit der Frau am Fenster nur beiläufig, ein Gespräch darüber ergab sich nicht. Am folgenden Tag sah er sie wieder um die gleiche Zeit am Fenster stehen und so war das auch am Tag danach. Er sah sie nur morgens, abends war niemand da. Irgendwann, er schaute schon von weitem zu ihr hoch, sah sie zu ihm hinunter, hob kurz die Hand und lächelte ihn an. Michael grüsste zurück, und diese Geste, die nun eine schwache Verbindung zwischen ihnen herstellte, stimmte ihn froh. Sein Arbeitsweg bekam plötzlich eine neue, freundliche Komponente.
Wer mochte die Frau bloss sein und in welchen Verhältnissen lebte sie. Es gab bestimmt einen Mann an ihrer Seite, vielleicht Kinder. Wieder fiel ihm auf, dass er noch nie jemand anderes im oder rund um dieses Haus gesehen hatte. Von der Frau aber nahm er stets wahr, wie elegant sie gekleidet war und er hielt sie zweifellos für attraktiv.

Nach und nach begann er, eine Geschichte rund um diese Person zu konstruieren, und gab dieser Gestalt konkretere Formen. Das gediegene, nach viel Geld erscheinende Ambiente und die ihn einnehmende Person verleiteten ihn, in eine idealisierte Welt zu tauchen. Bald sah er sie an grossen Empfängen in ihrem Haus, umgeben von lauter erfolgreichen, interessanten und ebenso wohlhabenden Personen. Eine Dame der gehobenen Gesellschaft. Aufgrund ihrer äusseren Merkmale schrieb er ihr auch einen entsprechenden Intellekt zu. Sie war sicher gut gebildet und übte eine wichtige Tätigkeit aus oder war vielleicht die bewunderte Frau an der Seite ihres erfolgreichen Gatten. Mit jedem Tag, an dem er an ihr vorbeiging, nahm seine Geschichte detailliertere und ihn verzaubernde Formen an. Das Ritual des morgendlichen Grusses zwischen den beiden über die besagte Distanz fand über Monate regelmässig statt.

Mit der Zeit begann Michael den prächtigen Vorstellungen über seine Morgenbekanntschaft die eigenen Realitäten gegenüberzustellen. Seine Wahrnehmungen zum langsamen Prozess des Alterns veränderten nach und nach seine Sicht auf sein eigenes Leben. Zu was hatte er es wirklich gebracht. So richtig durchgestartet war er nicht und ob er die Kraft und Energie noch hatte, so etwas wie Karriere zu machen, wusste er nicht. Dazu hätte er auch ein entsprechendes Umfeld haben müssen, das ihn dabei unterstützte, sowohl geschäftlich wie privat. Sein Vorgesetzter schätzte ihn, aber der war selbst noch jung, und dessen Nachfolge stand nicht zur Diskussion. Für seine Frau hatte sein beruflicher Aufstieg eine geringe Bedeutung, solange die Lebensqualität der Familie so blieb, wie sie war. Sie schien auch kein Interesse daran zu haben, neue Ideen zu entwickeln, gemeinsam ein exklusives Hobby auszuwählen oder spannende Reisen zu machen. Irgendetwas müsste doch noch passieren, dachte er. Die Begegnung mit der Frau am Fenster weckte in ihm auch den Wunsch, neue Leute kennenzulernen, Das würde ihr Leben bereichern. Der Freundeskreis, den er und seine Frau im Verlauf der Jahre aufgebaut hatten, bedeutete ihm nicht mehr so viel, er fühlte sich wenig stimuliert von diesen Menschen, sogar das abschätzige Wort ‘abgenützt’ ging durch seinen Kopf. Alles in allem sah er zu viel Stillstand und er fragte sich, was er dagegen unternehmen könnte. Seine Frau bemerkte die Veränderung bei ihm, ein neues Insichgekehrtsein, und sprach ihn darauf an. Er verneinte, ein Problem zu haben und verwies auf etwas mehr Belastung im Beruf. Die Frau am Fenster blieb sein Geheimnis, das er mit niemandem teilte. Kommentare oder Interpretationen anderer hätten etwas bei ihm zerstören können. Hin und wieder kokettierte er mit dem Gedanken, dass sie ihm Zeichen machen könnte, ins Haus zu kommen. Was sich daraus ergeben hätte, stellte er sich nicht im Detail vor, es wäre wohl kompliziert geworden.
So vergingen die Monate, Wesentliches ereignete sich nicht im Leben von Michael, die wenigen Sekunden während seinem Gang vorbei an der Villa wurden zu einem kleinen Höhepunkt in seinem Tag, und wenn er für eine Weile aus irgendeinem Grund nicht zur Arbeit ging, befürchtete er, dass die Frau dann nicht mehr am Fenster stehen würde, wenn er wieder zurückkäme.

Eines Tages war es dann tatsächlich so weit. Er ging am Haus vorbei und es stand niemand am Fenster, am nächsten Morgen war es genauso. Er stellte alle möglichen Überlegungen an und irgendwann, er hatte sie lange nicht mehr gesehen, fasste er den Entschluss, der Sache auf den Grund zu gehen. Für kurze Zeit dachte er, es stehe ihm nicht zu, in die Privatsphäre dieser Person einzudringen, aber dann überwand er sich und klingelte eines Morgens an der Tür.

Es dauerte eine ganze Weile, bis er Geräusche hörte und sich der Schlüssel im Schloss drehte. Vor ihm stand nicht die Frau am Fenster, sondern eine ältere Dame in dunkler Kleidung. Er suchte bereits nach Worten der Entschuldigung und wollte sich vorstellen, da machte sie ihm Zeichen, er solle eintreten und ablegen. Sie stellte sich als die Pflegerin und Gesellschafterin der Frau am Fenster vor und teilte ihm mit, dass die Frau, wegen der er gekommen sei, Fabienne Holenstein heisse. Der Name sagte ihm nichts, aber er wunderte sich, dass man gewissermassen auf ihn gewartet hatte, jedenfalls war die Frau, die ihm öffnete, in keiner Weise überrascht über seinen Besuch. ‘Kommen Sie mit’, sagte sie und führte ihn in ein grosses, prächtig möbliertes Wohnzimmer. Nach ein paar einleitenden Sätzen und der Frage, ob er einen Tee wünschte, fing sie an zu erzählen.

«Fabienne Holenstein wohnt seit einem Jahr hier, sie war mit einem Industriellen verheiratet, der vor 5 Jahren verstorben ist und hat 2 Kinder im Erwachsenenalter, die im Ausland leben. Sie war früher Fotografin, bis vor ein paar Jahren hat sie diesen Beruf auch noch ausgeübt. Dann wurde eine unheilbare Krankheit diagnostiziert, Frau Holenstein bewegt sich seit einiger Zeit nicht mehr autonom. Vor allem hat der körperliche Zerfall auch ihre mentale Gesundheit beeinträchtigt, sie leidet heute unter Depressionen und ist aufgrund ihrer Krankheiten in ständiger Behandlung. Seit einiger Zeit malt sie und führt ein Tagebuch, gegenwärtig ist sie aber wieder in der Klinik. Wir betreuen Frau Holenstein zu dritt, aber jetzt ist es fraglich, ob sie wieder nach Hause kommt. Sie fragen sich bestimmt, weshalb ich Ihnen das alles erzähle. Nun, sie schaut jeden Morgen aus dem Fenster auf den See hinaus, in eine Welt, die ihr heute verschlossen ist, an die sie aber viele schöne Erinnerungen hat. Nachdem sie Sie auf ihrem täglichen Arbeitsweg gesehen hat, sind Sie eine Art Bindeglied zu dieser Welt geworden für sie. Sie hat angefangen, darüber Tagebuch zu führen und mir letzthin gesagt, ich soll es Ihnen übergeben.»

Michael wurde einen Stock höher in das Zimmer mit dem grossen Fenster geführt und dort auf dem Sims lag ein Notizbüchlein, das ihm die Frau in die Hände legte. Die Aufzeichnungen begannen kurz nachdem sie in dieses Haus eingezogen war. Michael begann zu lesen:

«Ich sehe morgens immer denselben Mann unten am Haus vorbeigehen. Er ist wohl auf dem Weg zur Arbeit, immer festen Schrittes, mit erhobenem Haupt und einem Blick für die Umgebung. Er schaut jeweils hoch zu mir. Jemand, der zu Fuss zur Arbeit geht, vorbei an diesem schönen See, kommt bestimmt beschwingter an, so beginnt ein frischer Tag.»

Und später:
«Heute grüsste ich ihn zum ersten Mal und er grüsste zurück. Er hat ein freundliches Gesicht, wenn er lächelt. Manchmal scheint er etwas traurig zu sein, aber vielleicht trügt die Distanz und ich sehe das nur so. Er ist gut gekleidet. Was er wohl von Beruf ist. Es ist nicht so wichtig für mich, ich freue mich, wenn er vorbeigeht und mich sieht und grüsst. Es gibt mir das Gefühl, ein ganz normaler Mensch zu sein, das bedeutet mir mehr als ich mir vorstellen konnte.»
So ging es weiter. Michael las die fast täglichen Beobachtungen und Gedanken über dieses eigentlich unbedeutende Ereignis einer flüchtigen Begegnung. Er stellte fest, dass die Frau Mutmassungen anstellte über sein Leben und seine Person. Sie sah ihn an der Seite von Frau und Kindern, in einem schönen Zuhause. An Tagen, in denen er nicht vorbeiging, wähnte sie ihn mit der Familie an einem schönen Ort in den Ferien.
Ein Eintrag lautete:

«Er ist noch im Alter, in dem man halbwüchsige Kinder hat. Er wird verschiedenes unternehmen mit ihnen, so wie ich es damals gemacht habe, die schönste Zeit, die es gibt in einer Familie. Man kann sich an so vielen Dingen erfreuen, zusammen mit anderen Menschen. Ich hoffe, er hat ein erfülltes Leben und nimmt daraus die Kraft für die Zukunft, was immer sie bringt.»
Michael las noch etwas weiter, die Einträge wurden immer öfter mit Beschreibungen über ihre Leiden ergänzt, dennoch überwog ein positiver Grundton und eine Zuversicht, die er bewunderte, angesichts der Umstände, die ihm geschildert worden waren.

Als er aufhörte mit Lesen, stand er benommen da und sagte nichts. Er fühlte sich klein, so etwas wie Scham kam bei ihm auf. Kurz darauf verabschiedete er sich von der Frau, gab ihr das Notizbüchlein zurück und machte sich auf den Weg. Seiner Frau wollte er nichts erzählen von diesem Erlebnis, aber er glaubte, er stünde vor Veränderungen in seinem Leben, die er sich bisher so nicht vorgestellt hatte, und er war dankbar darüber.
 
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