Texte
Lyrische Texte: Komfortzonen
Thomas Schneider
UNFALL

Im ersten Stock dank Frühlingsgefühlen noch munter
Dann im Sauseschritt die Treppe hinunter
auf der frisch gewichsten Stufe ausgerutscht
und wie ein Stück Seife über die Fliesen geflutscht
Die Haut an der Unterarminnenseite am Geländer aufgerissen
sich erhoben und sogleich verbissen
weiter gerannt
bis zur Hecke am Stadtrand
Sozusagen mitgeschleppt den Schmerz
vom Februar in den März

Endlich einen blühenden Schlehenbusch umarmt
der sich seiner so hofft er trotz der Dornen erbarmt
und die Zweige fürsorglich um ihn schliesst
als er im Blütenstaub zwei Zähren vergiesst


BOMBUS TERRESTRIS

Teure Hummel du verspieltes pelziges Tier
wälzst Lehmkugeln nur aus Spass von dort nach hier

Dein Eifer Dein Gespür wurden bis jetzt
über Hunderte von Jahren gering geschätzt

Dabei fragst du gescheit nach dem Wie und Was
erkennst ein Objekt der Begierde auch hinter Glas

Du erspähst den Zuckerwürfel bei trübem Licht
so wie du ihn im Dunkeln erkundest durch Tasten

Nur eines schätzest du vermutlich nicht (schätze ich)
Nämlich bei bohrendem Hunger fromm zu fasten

Du beisst Löcher ins Blatt der Tomatenstaude
damit die Pflanze rascher gedeiht und blüht

dass du Pollen gewinnst und ein summa cum laude
als Lohn für die Forschung die sich um dich müht    1)2)


1) (Sachser N), Henk M, Uchatius W: Sind sie wie wir? Die Zeit Nr. 10, 3.3.2023
2) Paschalidou FG, Lambert H, Peybernes T, Mescher MC, De Moraes CM:
Bumble bees damage plant leaves and accelerate flower production when pollen is scarce. Science, online publiziert, 21.5.20

HOMMAGE AN DEN DEUTSCHEN KINDERWAGEN (DKW)

Die wenigen Fussgänger, die noch unterwegs sind, spannen unter dem prasselnden Regen die Schirme auf, mehr schwarze als bunte, manche mit bereits vom böigen Wind angeknacksten Kielen. Dieselabgase stechen den Passanten, die sich vor dem Zebrastreifen auf der Kreuzung die Beine vertreten, in die Nase.

Ein alter Mann würgt den Zweitaktmotor seines Leichtmotorrads vor der Ampel ab, als sie auf Grün schaltet. Unter dem Kinnriemen seines Helms hat ein etwa siebenjähriger Knabe den weissen Bart entdeckt und zeigt für seine Mutter mit dem Zeigefinger auf die ihm unbekannte Zierde, um ein Haar hätte es meiner sein können. Wir Alten sehen uns ähnlich.

Der unbekannte Lenker muss das Zylinderchen dem Ton nach aufgebohrt haben. Es hat noch einmal gehustet und ist dann im Regen ertrunken. Es giesst jetzt wie aus Kübeln.

Hat der Mann den Motorblock gestreichelt, dabei "armer Liebling" gehaucht?.
Die losen Kabel sprühen bald ein letztes Mal Funken in einem Kurzschluss. Der aufdringliche säuerliche Gasgeruch aus dem nahezu verstopften Auspuff erinnert an die Ausdünstungen der DKWs aus der Nachkriegszeit.

An eine Kindheit, während der wir die Abgase an den Kreuzungen süchtig wie Drogen einatmeten und den Lastwagenungetümen aus allen Herren Ländern, bezeichnet mit dem Schild TIR, sehnsuchtsvoll nachschauten. Sie schleppten sich fauchend zur nahen Grenze.

An den Wochenenden kletterten mein Bruder und ich im unbewachten LKW-Fuhrpark eines Verteilzentrums von einer Führerkabine zur nächsten und drückten mit den Zehenspitzen so lange auf die mittleren Fusspedale, bis die letzte Luft zischend aus den Bremsschläuchen entwich.

Der bestangezogene Mann im Fabrikhof war der Tankwart im kornblauen Overall. Seine gekräuselten Haare hatten die gleiche Farbe wie die Weisswandreifen am eleganten Peugeotcabriolet, das er sich für die Ausfahrten mit der Familie leistete.

Die Namen gewisser Automarken klangen nach Adelsgeschlechtern: Borgward, Pannhard...im Unterschied natürlich zu den populären Marken mit drei Buchstaben: den Abkürzungen für den Bayerischen Mistwagen oder den Deutschen Kinderwagen, träfe Verballhornungen.

Das leise Säuseln der Motoren dieser Familienkutschen, die uns im Sommer an einen Baggersee gefahren haben und im Winter in den Schwarzwald zum Skifahren, hallt in den Ohren nach. Meldet sich wieder der fiese Tinnitus?

Bei einem Wienerwalzer aus dem Autoradio kurvte der Vater damals am Steuer ausgelassen im Dreivierteltakt hin und her über die durchbrochene Mittellinie in der Strassenmitte. Unser Opel hielt die Spur und ich wegen der aufsteigenden Übelkeit die Hand vor den Mund.

Jetzt wäscht der Regen die bereits verdünnten Gerüche ganz aus der Luft.


MINIDRAMA

Auf die verwitterte Rinde in der Krone
hämmert der Buntspecht –
Am Fuss der ehrwürdigen Buche
im Wurzelgeflecht
überprüft eine Kreuzspinne
ihr feingesponnenes Netz
Plötzlich was für ein Gehetz!
Ein Rüsselkäfer
hat den gefährlichen Weg gewählt
Er zappelt im Netz
schon bis Neun angezählt
Aber er zerreisst es
Eine Waldwespe überdies
zerbeisst es
Dies alles musste die Spinne
durch ihre acht Augen mitansehen
Sie macht sich sofort ans Stopfen und Nähen
wie einst die Mutter unsere Strümpfe
geflickt hat
ohne Rümpfe
und seidig glatt
 
schliessen
Texte
21. April 2024
 
21. April 2024
 
21. April 2024
 
21. April 2024