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Macht des Schicksals – was noch – Zimbalklänge?
Irène R. Jenny Merz
Aus London wurde der Gruppe 46 von Amnesty International eine besondere Persönlichkeit zur Betreuung zugeteilt; der in Prag inhaftierte Schriftsteller Vaclav Havel. Fleissig schrieb man Briefe an verantwortliche Parteigrössen der auch in der Tschechei machthabenden KPdSU. Die in Basel lebende tschechische Journalistin, mit welcher die Amnesty-Mitglieder eine freundschaftliche Kameradschaft verband, half bei Telefongesprächen mit Frau Havlowa, der Gattin von Vaclav Havel. Es war Helena die wusste, dass jedes Jahr, auf Einladung des tschechischen Vereins, ein kleines Zimbalorchester aus Mähren nach Basel kommt.

Die Amnesty-Idee wurde Wirklichkeit und die Musiker waren bereit, bei einem Amnesty-Anlass für Havel aufzutreten. Eine Kirche bot die Möglichkeit, anlässlich eines Gottesdienstes, den Einsatz von Amnesty für den besonderen Gefangenen vorzustellen, umrahmt von fröhlicher Zimbalmusik. Nach dem, mit Musik umrahmten Gottesdienst, wurden Musiker und Zuhörer*innen eingeladen, bei einem gemütlichen Zusammensein, mehr dieser Mährischen Volksmusik, ein kleines privates Konzert, zu geniessen. Es trat ein jüngerer Mann ans Mikrofon und erzählte, in perfektem Deutsch, mit charmanter Färbung seiner tschechischen Muttersprache, das historische Werden und die gepflegte Tradition dieser besonderen Klänge, insbesondere des Instrumentes mit den vielen Saiten, welches zu spielen eine künstlerische Begabung erfordert.

Wer war der Mann? Lea fand ihn sehr nett und sympathisch! Ein Gespräch ergab sich nicht, Lea tanzte mit Gilbert freudevoll übers Parkett.

Zwanzig Jahre später sind sich Lea und der Mann, den Lea damals nett und sympathisch fand, erneut begegnet! Zufall – Schicksal? Beziehungen waren beiderseits abgeschlossen, eine wunderschöne Liebesgeschichte fand ihren Anfang. Sie dauerte neunzehn Jahre und war für Lea ungemein bereichernd.
Vor zwei Jahren ist Daniel fortgegangen; Lea hofft, mit traurig-dankbarer Seele, es habe ihn Petrus liebevoll aufgenommen.

Daniels Heimat Prag, anno 1978 eine düstere Stadt, war Lea von beruflichen Einsätzen als Begleiterin von Musik – und Theaterreisen bekannt. Ihr leises Zittern am Prager Flughafen nahmen Leas Gäste glücklicherweise nicht wahr. Es hätte ja sein können, dass das kommunistische Politbüro, der aufsässigen Schreiberin aus der Schweiz, den Aufenthalt in der Stadt an der Moldau hätte verwehren wollen.

Über den Beginn des sozialistisch-kommunistischen Systems, nach Ende des Zweiten Weltkrieges, haben Dan und Lea oft gesprochen, doch Daniel verlebte diese Zeit als kleiner Junge im liebevollen Umkreis seiner Eltern. (Diese verschwiegen ihrem Buben, dass sich in der Dachkammer des Hauses ein jüdisches Mädchen versteckt hielt.)

Dan war nie Parteimitglied, auch nie verbannt in ein Arbeitslager; mit Begeisterung erzählte Dan von seinen guten, spannenden Pragerjahren als Student, als jugendlichem Liebhaber und als Besitzer eines Kleintheaters, für welches nicht nur er die Texte schrieb, für welches auch der Schriftsteller Vaclav Havel, der spätere Staatspräsident, die seinen beisteuerte. (Lea wurde ob all der Erzählungen etwas neidisch, so intensive Zeiten kannte sie aus ihrem Umfeld nicht.) Es verhalf die sozialistische «Freiheit» auch den jungen Frauen, sich ohne Zurückhaltung dem männlichen Geschlecht zu nähern. Sonntags gingen die jungen Leute zum Tanz. Jazz – amerikanischer Jazz, war der Ohrwurm jener Jahre in Prag. Eva Olmerova hiess die Sängerin, die, hätte man ihr erlaubt das Land zu verlassen, gleich Edith Piaf den Westen mit ihrer Kunst begeistert hätte.

Es kam für Daniel anders als gehofft und geglaubt. Der gefeierte «Prager Frühling» war im Jahre 1968 für immer vorbei, es standen die Truppen des Warschauer Pakt vor den Toren Prags. Daniel versah seine erste Stelle als studierter Soziologe, als die tödliche Gefahr Prag erzittern liess. Im Glauben an Gerechtigkeit, auch im Glauben an das Verständnis der Herren in Moskau, schrieb Daniel den Brief der Briefe! Er bat darum, es möge das gute menschliche Zusammenleben, welches das Prager-Regime über mehrere Jahre erlaubte und welches die tschechische Bevölkerung mit Dankbarkeit der sozialistischen Führung entgegenbrachte, weiterhin beachtet und geachtet werden.

Im Kaufhaus, nahe dem Wenzelsplatz, bat Dan um ein kleines Tischchen, bat dann die vorbeigehenden Menschen den aufliegenden Brief, seinen Brief, zu unterschreiben. Hoffnungsvoll wurde Unterschrift um Unterschrift dem Papier anvertraut und es wurde die Menge der Anstehenden länger und länger. Um achtzehn Uhr stand Radio Prag vor Ort, um zweiundzwanzig Uhr der Fernsehsender Prag und Daniel wurde für wenige Tage eine richtige Berühmtheit!
Tags darauf meldete sich Alexander Dubcek, der beliebte liberale Politiker des «Prager Frühlings» bei Daniel und lud den überraschten jungen Mann ein, ihn zu einem Treffen mit Leonid Breschnew, dem Generalsekretär der KPdSU, zu begleiten. Stolz und hoffnungsvoll übergab Dan Herrn Breschnew einen Stoss unterschriebener Briefe, erkennbar die inständigen Bitten der Prager Bevölkerung.

Nur wenige Tage später waren in den Prager Zeitungen die Worte zu lesen: «Daniel sollte das Land verlassen!» Mehr stand nicht geschrieben, wer hat Daniel gewarnt? Dan erinnerte sich der Worte von Alexander Dubcek: «Sensibler junger Mann, für den Weg eines Politikers sind sie nur wenig geeignet.»
Jedes Jahr, am 21. August, dachten Daniel und Lea an die Einnahme der Stadt Prag durch die Russen.

Lea nimmt den grossen Zeitungsartikel der Prager Tageszeitung, mit dem Foto aus dem Jahre 1968, vom Büchergestell. Daniel, ein schöner junger Mann, diskutiert, umgeben von einer Menge Menschen, mit einem ebenfalls jungen russischen Panzerfahrer. Ob dieser Daniels grosses Anliegen verstehen konnte, verstehen wollte?
Es ist schon ein besonderes Stück Zeitungspapier welches Lea, schön gerahmt, in Ehren hält.



 
 
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