Texte
Nacht
WfW vom 21. April 2024: TAG und NACHT
Christoph A. Müller
Es ist zwei Uhr in der Nacht. Seit einer Stunde liege ich im Bett, wälze mich hin und her, kann nicht einschlafen. Ich versuche, mich zu entspannen, die Verkrampfungen loszulassen. Vergebens. Ich versuche, eine Schmerzmeditation zu machen, aber ich finde den Schmerz nicht. Ich weiss nicht, ob ich Schmerzen habe. Ich bin aufgewühlt, es reisst in mir nach allen Seiten, und gleichzeitig fühle ich mich gefühllos, leer, völlig leer. Leer und hellwach, mit zugeschnürtem Herzen. Ich habe kalt. Ich gebe es auf, schlafen zu wollen. Ich mache Licht. Ja, Licht. Ich will es hell haben um mich. Ich hole mir eine zweite Bettdecke und beschliesse zu schreiben. Wenn es Tag wäre, würde ich mich vielleicht ans Klavier setzen und mächtige Akkorde in die Tasten schmettern.

Schreiben tut gut. Ich könnte nicht lesen. Was interessiert mich der Kram, der in Büchern steht? Mein Denken ist von einem einzigen Gedanken beherrscht: Sibylla. Ich könnte Seiten füllen mit immer demselben Satz: Sibylla, ich liebe dich. Sibylla, ich liebe dich. Sibylla, ich liebe dich. Ich möchte alle meine Wände vollschreiben mit diesem einen Satz: Sibylla, ich liebe dich. Mit grossen, breiten Filzschreibern: grünen, roten, blauen, schwarzen, orangen, gelben. Was wäre das für ein Vergnügen. Vorhin schon, als ich es noch dunkel hatte, dachte ich, am liebsten würde ich die Vorhänge wegreissen. Die Bilder von den Wänden nehmen. Was gehen mich diese Bilder an? Weg mit all dem Kram, mit all den unnützen Büchern, Möbeln, Lampen, all diesen Geräten und Gegenständen, die sich angesammelt haben. Wozu brauche ich sie? Die Wohnung leer, nur die kahlen Wände, ein Bett und eine Glühbirne an der Decke. Und nun gehts los mit zwei Dutzend dicken Filzschreibern. Von oben nach unten, kreisförmig, kreuz und quer, auch die Decke würde ich vollschreiben, mal in grossen, mal in kleinen Buchstaben, mal schön in Blockschrift und dann in meinem Privatgekritzel, mit Kreisen umzingelt, mit Blümchen geschmückt, mit Ausrufungszeichen, Gedankenstrichen und was weiss ich verziert – immer nur den einen Satz: Sibylla, ich liebe dich.

Es tut mir gut, zu schreiben. Auch wenn es nur mit einem dünnen Kugelschreiber ist. Ich spüre wieder ein paar Gefühle in mir, eine Spur von Heiterkeit, Gefallen an drolligen Einfällen, fast ein bisschen Übermut. Ich fühle mich wieder in mir, in meinem Körper, in meinem Kopf. Ja, das ist es: Ich war ausser mir. Ich hielt es nicht mehr aus in mir, alles war zugeschnürt, verkrampft, zugemauert. Ich war ausser mir. In der Kälte, in der Leere, ich weiss nicht wo.
Ich blicke zum Fenster. Draussen stürmt es, der Regen peitscht gegen die Scheiben. Aber jetzt habe ich warm unter meinen beiden Decken. Ich fühle mich müde, meine Lider sind schwer, aber ich bin immer noch hellwach. Ich verstehe nicht, was mit mir vorgeht. Was ist es, das mich aus allen Fugen treibt? Ich hätte nie geglaubt, dass mich Sibyllas Verliebtheit derartig aufwühlen könnte. Ist es denn Eifersucht? Ist es die Angst, sie zu verlieren? Ist es Angst, allein zu sein?
Ich merke, wie mich die Vorstellung, Sibylla würde mich verlassen, in die hilfloseste Verzweiflung stürzt. Es kommt mir vor, als würde mein Leben jeden Sinn verlieren, als würde ich alles verlieren, so ohnmächtig komme ich mir vor. Ich merke so deutlich wie noch nie, wie stark ich mich mit ihr verbunden fühle, wie unglaublich selbstverständlich ich mit ihr rechne, wie sie für alles, was ich tue, unendlich wichtig geworden ist. Ich glaubte immer, keine Pläne zu haben, keine Erwartungen, mir keine Zukunft auszumalen. Und jetzt, wenn ich mir vorstelle, ohne Sibylla zu leben, sehe ich mich plötzlich vor einem Nichts, vor einer schmerzenden, sinnlosen Leere. Alles schreit in mir, und mir ist, als würde alles in mir zusammenbrechen.

Ich kenne mich nicht mehr. Bin ich das, der freie, unabhängige, ungebundene und selbstbestimmte Christoph? Bin ich das, der in eine solche Hölle gerät, weil Sibylla sich in einen anderen Mann verliebt?
Ich hatte mir doch eingebildet, kein Verlust könne mich mehr erschüttern. Wie schlecht ich mich kenne. Immerhin, ich bin lernfähig. Ich habe heute eine Lektion erhalten, die ich nicht so bald vergessen werde.
Es sind zwölf Jahre her, seit ich in einen so tiefen Abgrund gestürzt war. Ich werde diese Bahnfahrt nie vergessen. Ich hatte eben erfahren, dass Olga an Leukämie erkrankt war. Ihr Vater hatte mich nach B. kommen lassen, um es mir mitzuteilen. Und jetzt, auf der Rückfahrt, sass ich im Zug, wie von einem Taumel befallen, von solcher Traurigkeit ergriffen, dass kein Schmerz fühlbar war. Alles in mir war taub, stumm, erfroren. Einzig mein Kopf funktionierte wie frisch geölt, tausend Gedanken durchkreuzten einander. Aber die Gefühle waren wie weggeblasen.

Olga war die Frau meiner Träume. Wir kannten uns erst seit einem Dreivierteljahr, aber von Anfang an sah ich in ihr die Frau, auf die ich insgeheim schon immer gehofft und gewartet hatte. Zum ersten Mal in meinem Leben waren meine Gefühle so eindeutig, dass ich meine Familie verliess, um mit Olga zu leben. Ich war verzweifelt über die Trennung von Loïc und Pablo, meinen beiden geliebten Buben, die damals fünf und acht Jahre alt waren. Dolores, meine Frau, litt entsetzlich. Wir hatten in den letzten Jahren unglücklich zusammengelebt und waren jetzt unglücklich getrennt. Ich fühlte mich wund und zerrissen. Und trotzdem war ich überglücklich mit Olga und voller Hoffnung. Und nun hatte Olga Leukämie.

Seit dem Tag, an dem ich es erfuhr, wachte ich jeden Morgen, bevor der Wecker klingelte, schlagartig auf. In Sekundenschnelle war ich hellwach, fühlte mich ausgeschlafen, ohne eine Spur von Schläfrigkeit. Doch dann, wie ein Blitz, schlug in meinen Kopf der Gedanke ein: Olga hat Leukämie. Sobald der Gedanke da war, zog sich in mir alles zusammen, Beklemmung schnürte mich ein, die wohligen Gefühle aus dem Schlaf waren weg, und es tauchten keine neuen Gefühle auf. Düstere Leere war in mir, graue, brüchige Dürre. Es dauerte Wochen, bis ich meine Traurigkeit spüren und erleben konnte, bis ich mich ihren Fluten ergeben und weinen konnte.

Ich hatte durch Olga gelernt, mein Leben zu lieben. Ich hatte angefangen, die Welt mit neuen Augen zu sehen. Es war mir, als würden sich überall Blüten öffnen. Ich kam mir selber wie eine Knospe vor, die sich öffnete. Durch Olgas Krankheit und Tod entstand bei mir das Gefühl: Ich habe in meinem Leben alles geschenkt bekommen, und jetzt habe ich alles verloren.
Ihre Krankheit liess uns ein Jahr Zeit. Ein Jahr voll von Hoffnung und Angst, von Schmerz und Glück. Ein Jahr mit den Erlebnissen von zehn Jahren. Ein Jahr, um uns kennenzulernen und um Abschied zu nehmen. Ein Jahr zum Lieben. Ein Jahr zum Leben. Ein Jahr wie ein Leben.

Ich weiss nicht mehr, wie ich dieses Jahr überstanden habe. Aber trotz der Schmerzen und trotz der Erschöpfung fühlte ich mich nach Olgas Tod erfüllt und reich. Ich hatte – wenn auch nur für kurze Zeit – viel mehr bekommen, als ich mir hätte wünschen können. Ich war damals überzeugt, dass mir in diesem Leben keine grosse Liebe mehr begegnen würde. Und ich war damit zufrieden.
Zu meiner Überraschung kam es anders. Ich verliebte mich wieder, mehrmals, und ich erlebte unerwartete, tiefe Begegnungen. Eine Illusion aber habe ich mir bis zu diesem Tag bewahrt: Den Glauben, ich könnte in Zukunft nichts mehr verlieren, weil ich schon einmal in meinem Leben alles verloren hatte. Was ich jetzt in dieser Nacht erlebte, hat mich von diesem Glauben geheilt. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen.

Ich unterbreche das Schreiben, weil mein Arm schmerzt, und hole mir ein Glas Orangensaft. Aber die Irrfahrt ist noch nicht zu Ende. Sobald ich wieder ins Bett geschlüpft bin, drängen sich neue Bilder und Gefühle vor. Ich sehe Sibylla vor mir, und ich wende mich an sie, während ich weiterschreibe.
Liebe Sibylla, ich komme mir unendlich schwer und schwerfällig vor. Ich muss in grösste Not geraten, um zu lernen, wer ich bin. Ich habe heute Nacht ein Stück dazugelernt. Ich weiss jetzt ein bisschen mehr über mich und über dich. Ich spüre besser, wie gern ich dich habe und wie wichtig du für mich bist. Und ich habe Angst, dich zu verlieren.

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine solche Angst spüre. Ich komme mir mit dieser Angst dumm und hilflos vor, und ich möchte sie lieber nicht haben. Aber sie ist da, und ich möchte sie nicht ignorieren. Ich möchte sie leben lassen und erfahren, was sie mir zu sagen hat.
Und etwas ganz Wichtiges hat sie mir ja schon gesagt: Ich habe niemand, die mir so wichtig, so nahe und so innig vertraut ist wie du. Ich weiss dies zwar schon lange – in meinen Gedanken und in meinen Gefühlen. Heute Nacht habe ich es auf eine neue Art gespürt: am Zittern meines Körpers.
Es ist jetzt fünf Uhr, und ich fühle mich schwer und müde. Ich will versuchen, jetzt doch noch einzuschlafen. Ich möchte dir diesen Nachtbericht morgen gern zum Lesen geben, aber ich habe auch Angst, dich damit zu erschrecken.

Aus dem Buch von Christoph A. Müller: «Blicke hinter die Mauer – Was Männer meist nicht sagen (können)»; Norderstedt, 2023; ISBN 978-3-7519-3535-7. © Christoph A. Müller, Basel. www.christophamueller.ch
 
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