Texte
Schrödingers Ratte
Martin Streckeisen
Er war mir gleich beim Einsteigen an der 42sten Strasse aufgefallen, der blonde Kerl Anfang zwanzig in groben Stiefeln und einer alten Strickjacke. Mit seinem durchdringenden Blick hatte er etwas Unheimliches an sich, war mir aber auf Anhieb sympathisch. Ich beschloss, ihn Billy zu nennen. Billy stand in der Ecke neben der automatischen Tür und musterte die Fahrgäste der U-Bahn, die jedoch keine Notiz von ihm nahmen. Die einen starrten auf ihr Handy, die anderen ins Leere und die dritten durch die schmutzigen Scheiben an die Tunnelwand. Ich aber konnte den Blick nicht von Billy lösen. Es war mir, als wäre eine verwandte Seele aufgetaucht.

Billys Strickjacke war vorne ausgebeult. Was mochte darin versteckt sein? Eine Bombe? Eine Abhandlung über Sein und Nichtsein? Eine randvolle Geldbörse? Eine aus China importierte Leber? Ich schrieb diese und noch mehr Variationen der Realität in mein kleines grünes Notizbuch, das ich in fremden Grossstädten stets auf mir trug. Als der Zug Fahrt aufnahm, richtete ich meinen Blick wieder auf den blonden Billy. Der trat unvermittelt an ein Klappfenster, zog es auf und griff dann mit beiden Händen vorne in seine Strickjacke. Er zog eine schwere, runde, auf einer Seite gewölbte Eisenplatte heraus und schob sie in aller Ruhe durch den Fensterschlitz ins Freie. Dann schloss er sorgsam das Fenster, drehte sich um und musterte weiter ungerührt die Mitreisenden. 

Draussen brach die Hölle los. Die Eisenplatte kollidierte mit der vorbeirasenden Tunnelwand, krachte an die Waggonkarosserie und wurde dann offenbar auf die Geleise geschleudert, jedenfalls donnerte sie von unten gegen den Wagenboden, genau unter meinem Sitzplatz. Schockiert starrte ich auf Billy, wollte aufspringen, protestieren, schreien, während der Zug kreischend stoppte. Doch niemand schien sich um den Tumult zu kümmern, weder um das apokalyptische Getöse im Tunnel noch um Billys Attentat. Die Passagiere starrten weiterhin auf ihr Handy, ins Leere oder studierten die Tunnelwand. Nur ich selbst beobachtete Billy mit einer Mischung aus Furcht und Faszination. Was wollte der Mann? Kam in den Waggon marschiert und schob seelenruhig eine Metallplatte durchs Fenster. War er verrückt? Litt er an einem Aufmerksamkeits-Defizit? Oder wollte er einfach nur Spass haben? -- Ich notierte meine Überlegungen in das kleine grüne Büchlein.

„Löschen Sie das“, sagte eine heisere Stimme von links. Billy sass neben mir.
Ich erstarrte.
„Löschen“, sagte Billy neben mir, „ausradieren, streichen, alles, was da über mich geschrieben steht.“ Billy murmelte diese Worte heiser, sah dabei geradeaus, als wäre ich inexistent.
„Aber, sorry, bitte“, sagte ich, „ich - ich beschreibe die Realität ....“
Billys heisser Atem blies mir an die Wange.
„Ich bin nicht real!“, zischte er in mein Ohr. „Streichen oder sterben.“
Mich schauderte und ich beeilte mich, den Text zu korrigieren. Der Stift in meiner zitternden Hand strich die Worte
Bombe, Sein, Leber, Lethargie, Nicht-Sein, New York City, Billyboy, Attentat, Menschenherde, Realitätsverlust.
Als ich aufsah, war Billy verschwunden. Ich drehte den Kopf in alle Richtungen, spähte unter die Sitze, ins Gepäckregal: Billy blieb weg. Der Zug durchfuhr wieder mit der üblichen übersetzten Geschwindigkeit und dem üblichen ohrenbetäubenden Geratter die Tunnelröhre, die Passagiere starrten auf ihr Handy, ins Leere oder an die Tunnelwand. Billy blieb verschwunden.

Ich teilte meine Loge in der Lower Eastside damals mit Toni, auch er ein hoffnungsvoller Schreiberling, der das Sein und den Schein zu interpretieren suchte und genau wie ich daran scheiterte, dass die real existierende Wirklichkeit, nämlich die Leserschaft, sich nicht für seine subjektive Realität interessierte. Toni und ich standen in einer konstruktiven Konkurrenz zueinander und schlossen Wetten ab, wer zuerst einen Leser fände oder sogar eine Leserin.

Ich traf Toni in der ungeheizten Küche an, sinnierend über einer Tasse abgestandenen Kaffees. Mit einem triumphierenden Grinsen trat ich auf ihn zu und sagte:
„Toni, lass die Korken knallen, ich stehe kurz vor dem Durchbruch.“
Toni hob seine müden Augenlider. „Da ist keine Flasche mehr“, murmelte er mürrisch. „Warum der Durchbruch, und warum schon wieder?“
„Ich kann die Leute zum Verschwinden bringen“, rief ich fröhlich. „Wenn ich sie beschreibe, sind sie da, wenn ich sie streiche, sind sie weg.“
„Versuch’s doch mal mit dir selbst, das Streichen, statt mich zu nerven“, sagte Toni und schlurfte zum Kochherd. Dort stand er nun in seinem zerschlissenen Morgenmantel, ein Bild des Jammers und des Trübsinns. Ich hatte meine liebe Mühe mit Toni; ich wusste, er war psychisch angeschlagen und brauchte einen verständnisvollen Partner.

„Hör zu, mein Lieber“, sagte ich munter, „ich will dir die Sache an einem Beispiel erklären. Kennst du Schrödingers Ratte? Natürlich nicht, natürlich weisst du nichts von Schrödingers Ratte. Schrödinger war ein Physiker in Österreich, das ist ein kleines Land im fernen Europa, das dürfte sogar dir bekannt sein. Dieser Schrödinger besorgte sich eine Ratte und sperrte sie in eine Kiste. Dort liess er sie eine Woche lang ohne Nahrung sitzen. Das scheint grausam, diente aber der höheren Erkenntnis, wie du gleich sehen wirst. Jetzt sag mir mal zuerst, ob die Ratte noch lebte nach einer Woche.“

„Was weiss ich“, murrte Toni, dem nichts ferner lag als physikalische Experimente. „Wo ist eigentlich die zweite Herdplatte geblieben?“
„Ruhe jetzt!“, rief ich. „Du musst wissen, dass Ratten nicht sehr lange ohne Nahrung auskommen. Sie verhungern innert kurzer Zeit, nach einer Woche ist noch genau die Hälfte der Versuchstiere am Leben. Die Chance, dass unsere Ratte in der Kiste nach einer Woche noch atmet, liegt statistisch gesehen also bei 50 Prozent. Soweit alles klar, Toni?“
Toni lümmelte sich am Herd und klapperte zustimmend mit den Kochtöpfen.

„Wenn du denken könntest, Toni“, fuhr ich fort, „dann würdest du jetzt erwidern, dass das sicher seine statistische Richtigkeit hat mit den 50 Prozent Überlebenden, dass du aber bei einem einzelnen Rattenexemplar nach einer Woche nicht sagen kannst, ob es noch lebt oder nicht, weil du es ja nicht siehst und nicht hörst in der Kiste. Vielleicht lebt es noch, vielleicht nicht mehr. Das würdest du sagen, Toni. Jetzt aber tritt das Genie Schrödinger auf und postuliert: Es ist grundsätzlich nicht entschieden, ob die Ratte nach einer Woche noch lebt oder nicht, sie lebt und sie sie ist tot. Erst wenn wir die Kiste öffnen und die Ratte der Beobachtung aussetzen, bringen wir die Realität zu einer Erscheinungsform, vorher aber befindet sich die Ratte in einer Art von Schwebezustand zwischen Sein und Nichtsein. -- Voilà, Toni. Capito? Das ist die Doppelnatur der Materie, das ist nämlich Quantenmechanik, Toni, mein Bester.“

„Ich möcht’ jetzt lieber mal wissen, wo die grosse Herdplatte geblieben ist, verdammt“, maulte Toni.
„Später, Toni, später, denn nun komme ich mit meinen grandiosen Geistesgaben. Wenn ich einen Kerl beobachte und ihn beschreibe, dann existiert er, wenn ich ihn aber ignoriere, dann hat er eben Pech gehabt und vegetiert irgendwo zwischen Sein und Nichtsein, wie die Ratte in Schrödingers Kiste. So geschehen vor 60 Minuten in der Untergrundbahn dieser monströsen Grossstadt. Was sagst du jetzt, Toni? Erkennst du endlich mein Talent? Bin ich ein zweiter Schrödinger, ja oder ja?“
Toni blieb unbeeindruckt. „Kann es sein“, fragte er leise und heimtückisch, „dass du heute die Herdplatte noch nicht beobachtet hast?“
Ich wurde hellhörig. „Was ist mit der Herdplatte?“
„Die fehlt. Die ist weg, die Herdplatte. Du hast sie wohl weg-ignoriert, du geniales Grossmaul.“
Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Der blonde Kerl in der U-Bahn. Billy mit der Eisenplatte, rund und schwer und bauchig. Die Herdplatte, verdammt.
„Toni …“
„Nichts da. Bring die Platte wieder her. Hast sie wohl dem Altmetaller verklickert, du fiese Ratte.“
„Moment, Toni, bitte. Ich muss überlegen, dringend.“
Wie war das möglich? Wie kam Billy zu unserer Herdplatte? Doch lange konnte ich darüber nicht nachdenken, denn was Toni jetzt von sich gab, liess mich erblassen. 
„Und mit dem Kleingeld,“ rief er empört, „mit dem Kleingeld für die Herdplatte haste dir wohl die Haare gefärbt und diese idiotische Strickjacke zugelegt. Schau mal in den Spiegel, hast dich schwer verändert seit gestern, du blonder Blödmann.“
Ich rannte ins Badezimmer. Aus dem schmutzigen Spiegel starrte mich ein Kerl an, blond, Anfang zwanzig, mit Strickjacke.
Billy war wieder aufgetaucht.

Wenige Wochen später wechselte ich mein Domizil. Es konnte nicht mehr so weitergehen mit Toni. Er wurde von Tag zu Tag nervöser und unausstehlicher, beinah vermisste ich seine frühere Trägheit. Er hatte was gegen Billy, das wurde mir bald klar. Ich hatte ein drittes Bett in die Wohnung gestellt, für Billy. Schliesslich war Billy mein lieber Gast, ich unterhielt mich oft mit ihm, meist im Badezimmer, wegen des Spiegels. Toni hingegen empfand meinen neuen Freund offensichtlich als Rivalen; er ging so weit zu behaupten, Billy existiere nur in meiner Vorstellung. Offensichtlich glaubte er, wenn er etwas ignoriere, existiere es nicht. Armer dummer Toni. Eigentlich gehörte er in eine Anstalt.

Jedenfalls war ich froh, ausziehen zu können; ich logiere jetzt in einem Männerwohnheim, zusammen mit Billy. Das Zimmer ist etwas eng, aber wir sind beide sehr genügsam und ergänzen uns bestens. Billy versteckt sich meistens irgendwo im Raum, ich bekomme ihn eigentlich nur zu Gesicht, wenn ich in den Spiegel schaue. Dann erzählen wir uns Geschichten und lachen zusammen. Ich bin froh, dass der Spiegel hier grösser und gepflegter ist als der in Tonis Loge.

Seit dem Aufwachen heute Morgen hat sich mein Befinden wieder verändert: Ich habe das sichere Gefühl, dass ich eine von Schrödingers Ratten bin, und zwar in unbeobachtetem Zustand. Es ist unbeschreiblich, dieses pelzige, geschwänzte Rattengefühl, zumal in jenem faszinierenden Schweben zwischen Sein und Nichtsein. Gerne würde ich meine neuen Eindrücke an Billy weitergeben, aber der lässt sich nicht blicken. Ich selbst kann mich leider nicht vom Bett erheben, da der Entscheid noch nicht gefallen ist, in welchem Zustand ich mich befinde, ob ich also existiere oder nicht. Diese Entscheidung ist ja erst möglich, wenn ich der Beobachtung ausgesetzt werde. Ich hoffe nun, dass mich bald jemand beobachten wird. Zum Glück ist in der massiven Zimmertür ein kleines Guckloch eingebaut, durch das jeweils einer von diesen kräftigen Männern im weissen Kittel reinschaut, bevor sie mir die bunten Kügelchen bringen, die mir immer so gut tun. Sobald jemand kommt, ist also der Entscheid gefallen. Das beruhigt mich, und ich bin guter Dinge. - Ich hoffe nur, es gibt keine Katzen im Haus.
 
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10. April 2022
 
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